Die Formel der Liebe finden

Regisseurin Brigitte Ostermann schuf mit ihrem Projekt "Werther" ein Konglomerat aus Texten Goethes und aktuellen Briefen und Texten von Privatpersonen der Gegenwart. Die viel beachtete Premiere fand am Samstag statt.

Plauen - "Sturm und Drang" - was steht hinter der Epoche zwischen den 1769er und 1780er Jahren, dessen Bezeichnung dem Titel des gleichnamigen Stückes (1776) des Frankfurter Schriftstellers F. M. Klinger folgt? Selbsterfahrung und Befreiung des Individuums, die Erkennung des Wertes der Gefühle, der Sinnlichkeit, der Spontaneität, der Naturerfahrungen. Deren Betonung und Auslebung führte in höchster Steigerung zum unvergleichlichen Genie: Shakespeare, Rousseau, Goethe, Herder und viele mehr. 1774 veröffentlichte Goethe auf der Leipziger Messe seinen autobiografischen Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers", ein europäischer Erfolg - nach "Götz von Berlichingen" -, der nicht nur Zustimmung erfuhr. Goethes platonische Beziehung zu Charlotte Bluff, die Bekanntschaft mit Maximiliane von La Roche und den Suizid des Freundes Karl W. Jerusalem verarbeitet er in diesem Werk. Goethe lässt seinen Helden "Werther" aus Verzweiflung über die sich nicht erfüllende Liebe zu "Lotte", eine bereits vergebene Frau, die ihn offensichtlich ebenfalls verehrt, gleichwohl ihrem Verlobten treu bleibt, sich das Leben nehmen.

Ausgerechnet um Mitternacht vor Heiligabend schießt er sich eine Kugel in den Kopf, auf seinem Schreibtisch aufgeschlagen Lessings "Emilia Galotti" - was dieser wiederum mit Betroffenheit zur Kenntnis nahm. Angeblich (es ist wissenschaftlich widerlegt) soll sich infolge des "Werther" eine Serie von Selbstmorden ereignet haben, was bürgerliche Leser um ihren Ehefrieden bangen ließ und natürlich die Kirche zur Ablehnung auf den Plan rief.

Als Grundlage für das Projekt "Werther" - Premiere am vergangenen Samstag in der Kleinen Bühne des Theaters Plauen - vereint Brigitte Ostermann, die Regisseurin, Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" mit aktuellen Briefen und Texten von Privatpersonen beziehungsweise Zuschauern (zu sehen in den Vorräumen der Kleinen Bühne) und versucht, den Umgang mit Liebe heute und zu Werthers Zeiten zu vergleichen. Das Projekt bietet ein Konglomerat von Umgang, Sprache, Mentalitäten und Sitten, ein Ineinandergreifen von Goethes und heutigen Texten. Exzessiv spielen sich Julia Rani (wie immer ein wenig zu viel) und Benjamin Petschke durch den illustren Stoff, springen vom pathetischen Gestern ins scheinbar leichtlebige Heute, tanzen sich durch alle möglichen Rhythmen (Choreografie: Gabriele Triems), lassen den Hormonen, die das Tanzen provoziert, ihren Lauf, nutzen das Bühnenbild - eine Badewanne, ein gläserner Kubus mit Schiebetüren vorn und Landschaft oder Himmel als Rückseite (schlichtes, passendes Bühnenbild: Luisa Lange) für alle nötigen Zwecke und finden die Formel für die Liebe.

Im letzten Drittel der Premiere steht vorwiegend Goethe im Fokus und Benjamin Petschke zeigt, was er kann: Er ist Werther! Albert, der Verlobte von Werthers geliebter Lotte, erscheint als lächerliches Püppchen, die Eifersucht bekommt die ihr zustehende Rolle und Werther monologisiert wie aus einem Munde mit seinem Alter Ego, in das Julia Rani schlüpft. Unter der Macht der Erkenntnis "alle Menschen werden in ihren Hoffnungen getäuscht" und dem Wissen um die Hoffnungslosigkeit seiner Liebe, beschließt Werther seinen Tod, verschiebt die Erfüllung seiner Liebe in die Ewigkeit. Es wurde ein mehrfacher, stiller, blutiger Tod, sein Tod mit Pistole.

Anhaltender Applaus holte ihn, sie beide, zurück ins Leben.