Die endlose Reise eines Schlüssels

Der Vorwurf der Anklage klang gewaltig: Versuchte Erpressung, und das gleich in zwei Fällen! Am Ende kam der 28-jährige Plauener René (Namen aller Betroffenen geändert) noch einmal recht glimpflich davon.

 

Das Verfahren gegen den ledigen Hausmeister und Gebäudereiniger wurde ohne weitere Auflagen eingestellt. Die Kosten des Verfahrens fallen der Staatskasse zur Last. Lediglich seine eigenen Auslagen - und hier vor allem das Honorar für seinen Anwalt - muss der Beschuldigte selbst tragen.

  Viel Lärm um nichts   Die Anklageschrift ging auf mehrere Ereignisse im Sommer vergangenen Jahres zurück. Im Mittelpunkt stand ein Schlüssel, der einer Putzfrau während der Reinigung eines Mehrfamilienhauses an der Plauener Lessingstraße abhanden kam. Die Frau war dort im Auftrag einer Hausmeisterfirma tätig.

René, der in eben jenem Haus wohnt, meldete sich noch am gleichen Tag telefonisch bei Firmenchefin Rosi. Eine für den späten Nachmittag vereinbarte Übergabe des Schlüssels schlug fehl. Daraufhin schickte René den Schlüssel ebenfalls noch am gleichen Abend mit der Post per Nachnahme an die in der Spitzenstadt ansässige Firma. Die vom Angeklagten mit einem Wert von 168 Euro bezifferte Sendung wurde vom Empfänger nicht angenommen.

Was dann folgte, kann gut und gerne frei nach Shakespeare unter der Rubrik "Viel Lärm um nichts" verbucht werden. Zunächst ging der Schlüssel auf dem Post-Rückweg verloren. René ließ nachforschen, erhielt den Schlüssel zurück und schickte ihn schließlich noch einmal per Nachnahme, diesmal sogar für 186 Euro, an die Firma von Rosi. Die erstattete schließlich Anzeige bei der Polizei. Vor Gericht berief sich René, für den dem Vernehmen nach bereits mehrere Vorstrafen zu Buche stehen, auf seinen gesetzlich verbrieften Finderlohn.

  Sprachliches Handicap   Was die Erörterung des Sachverhaltes ganz wesentlich erschwerte, war die Tatsache, dass der Angeklagte seine Aussagen nur stotternd und unter größter Mühe tätigen konnte. Dieses sprachliche Handicap war wohl seinerzeit bereits ausschlaggebend dafür, dass René seinen Anspruch auf Finderlohn nicht durch einen einfachen Anruf geltend zu machen vermochte. Die Verständigung erfolgte nahezu ausschließlich per Brief oder Fax. Zeugin Rosi äußerte Zweifel, ob der Beschuldigte den Schlüssel wirklich in einem Blumenkasten gefunden hatte. Da sich dies aber nicht widerlegen ließ, bestanden weder für den Verteidiger und den Staatsanwalt noch für Richter Michael Rüsing Zweifel am Anspruch auf Finderlohn. Schwierig war jedoch die Frage nach dem Wert der Fundsache zu beantworten.

  Wert an sich eher gering    "Der Wert des Schlüssels ist an sich gering. Da es sich aber um eine Schlüsselanlage handelt, wäre wahrscheinlich von einem relativ hohen Schaden auszugehen, wenn der Schlüssel endgültig abhanden gekommen wäre", resümierte der Vorsitzende. Unter dem Eindruck einer ersten polizeilichen Vernehmung gab René den Schlüssel, der sich so lange auf einer Irr-Reise befand, schließlich noch im vergangenen Herbst an Rosi zurück, ohne einen einzigen Cent dafür zu verlangen. Dies und vor allem der Umstand, dass sich der tatsächliche Nachweis der Erpressung nur sehr schwierig führen ließ, gaben den Ausschlag für die bereits erwähnte Verfahrenseinstellung. sg