Die Berliner Mauer hatte viele "Schwestern"

Mit dem Berliner Mauerbau am 13. August 1961 schließt sich für DDR-Bürger das letzte Schlupfloch nach "drüben". In dieser Zeit ist an der innerdeutschen Grenze im sächsischen und thüringischen Vogtland zum bayrische Vogtland schon alles dicht. Trotzdem: Bis zum Mauerbau gelang noch manche Flucht über die grüne Grenze - danach wuchsen auch dort Mauern, Stacheldrähte, Schießanlagen.

Von Cornelia Henze

Hof/Plauen "Grüß Gott!" Diese zwei Worte bekommen DDR-Flüchtlinge als erstes zu hören, als sie dem Hofer Grenzpolizisten Alfred Eiber gegenüberstehen. Von Anfang der 60er Jahre bis zur Grenzöffnung 1989 hat Eiber viele Geflüchtete direkt hinter dem Todesstreifen auf bundesdeutschem Terrain auf diese Art begrüßt, ehe er und seine Kollegen von der Grenzpolizeiinspektion Hof die jeweils dramatische Fluchtgeschichte, verbunden mit Familienschicksalen und ausgeklügelten Fluchtplänen, zu hören bekamen.


Als im August 1961 die Mauer gebaut wurde, befand sich Alfred Eiber, damals 26-jährig, auf der Polizeischule. Wenig später bekam er als Sachbearbeiter der Grenzpolizeiinspektion seine Lebensaufgabe: Grenzer bis zur Rente. "Alles, was an der Grenze passierte, landete bei mir per Funk oder Telefon." Unter Kollegen geschätzt als ambitionierter Kameramann, war es Eiber, den man immer sofort an den Todesstreifen rief, wenn dort ein Geflüchteter noch halb im Stacheldraht hing: unversehrt, verletzt oder tot. Akribisch dokumentiert er von Flüchtlingen aufgeschnittenen Stacheldraht, von DDR-Grenzsoldaten angebrachte Selbstschussanlagen, detonierte Minen im Todesstreifen, hochgezogene Stacheldrähte und Betonsperrmauern. Nach der Wiedervereinigung, heute im Ruhestand, lässt ihn die Geschichte nicht los. Er arbeitet alle Ereignisse an den Grenzen zwischen Töpen/Juchhöh und Gutenfürst sowie im thüringischen Blankenburg auf, schreibt ein Buch und führt Touristen im Bus an der früheren Grenze entlang. Zwischen 1952 und 1961 seien monatlich 250 aus der DDR in den Westen geflüchtet. "Das war der Punkt, ab dem die DDR was unternehmen musste, damit ihnen nicht die ganzen Leute weglaufen", kommentiert Eiber (85) den Berliner Mauerbau und das Errichten gravierender Fluchtsperren entlang der innerdeutschen Grenze.


Denn auch zwischen Vogtland und Oberfranken wuchsen ab 1961 die Mauern. Schon vier Tage nach dem Berliner Mauerbau verhängt die DDR ein totales Reiseverbot in die BRD. Im September 61 bewachen 50.000 NVA-Soldaten plus freiwillige und geheime Grenzhelfer die Grenze zwischen Vogtland und Ostsee. Ab 14. August herrscht Schießbefehl. Im April 1962 beobachtet man im Landkreis Hof, wie DDR-Grenzer einen doppelten Stacheldrahtzaun errichten. Im September 1962 werden Erdminen verlegt, auf der gesperrten Autobahn Hof - Plauen baut man Eisenschienen und Balkensperren ein. Eiber fotografiert im Sommer 65 die Betonbunker bei Grobau/Gutenfürst, dazu Erdbunker und Beobachtungshütten, Stolperdrähte, die laut knallen oder eine Leuchtpatrone abschießen, wenn man sie berührt. In Mödlareuth und Hirschberg entsteht 1964 eine Betonsperrmauer zum Westen. "Flucht schien unmöglich, und doch haben wir gestaunt, was DDR-Bürger gewagt haben, um in die Freiheit zu kommen." Einige spektakuläre Fluchten kann Eiber nicht vergessen.


Flucht durch Minengürtel
26. August 1964: Ein 45-jähriger Lehrer flüchtet mit Sohn (12) und Tochter (13) über den Grenzübergang bei Selb. Der Vater zerschneidet den Stacheldraht, vorsichtig schleicht das Trio durch vermintes Terrain. Die Kinder haben Glück. Der Mann tritt auf eine Mine. Die detoniert und reißt ihm den linken Unterschenkel ab. Der Verletzte bindet sich geistesgegenwärtig das blutende Bein ab - und überlebt. Gerettet wird die Familie von der bayrischen Grenzpolizei.


Im Milchlaster abgehauen
17. Juni 1962: Ein 24-jähriger Kraftfahrer versteckt auf einem Milchlaster zwischen Milchkannen Frau, Tochter und Schwiegermutter und rast temporeich bei Venzka/Hirschberg in die Saale. Der Laster durchbricht eine Sperre aus Betonsäulen, walzt den Stacheldrahtzaun nieder und landet in der Saale auf bayrischem Terrain.


Rohr lockt in Freiheit
5. September 1987: Die 23-jährige Birgit aus Plauen entdeckt beim Besuch bei ihrer Oma in Blankenberg (Thüringen) ein in die Saale gehendes Abwasserrohr. Um Mitternacht beseitigt sie das einfache Sperrgitter und kriecht durch das 70 Meter lange und 50 cm im Durchmesser enge Rohr. Dann schwimmt sie über die Saale, damals die "natürliche" Landesgrenze, und taucht unbeschadet am bayerischen Ufer in Freiheit auf.


Spion im Flugzeug?
Ein vermeintlicher Fluchtversuch war vielleicht ein Spionageflug: Ein GST-Flieger (43) vom Flugplatz Auerbach überfliegt im Tiefflug die Grenze und landet in Köditz. Die Sportmaschine wird über den Grenzübergang Töpen-Juchhöh zurückgebracht - 14 Tage später kehrt der Pilot freiwillig in die DDR zurück.


Ballon in den Westen
Durch Bully Herbigs Film "Ballon" kennt eine ganze Nation die Story der Familien Wetzel und Strelzyk. Alfred Eiber lernt die mutigen Ballöner am 16. September 1979 persönlich kennen, als sie nach 28minütigem Flug bei Naila notlandeten. Bis heute steht Eiber mit einem der Fahrer in Kontakt.