Die Auto-Schieber des Vogtlands

Container revolutionierten vor vielen Jahren den Güterverkehr. Jetzt beginnt die Revolution 2.0 und - eine vogtländische Firma gehört zu den "Revolutionären".

Pöhl/Jocketa - Der Güterverkehr mit Straßen-Lkws muss auf die Schiene - vor allem der Fernverkehr. Leider kostet das Umladen Zeit und Geld. Doch das ändert sich gerade, weil der CargoBeamer (sprich: "Kargo-Biemer") serienreif ist.
Und so funktioniert die Erfindung: Sattelschlepper fahren in eine Spezialwanne, die auf dem Bahnsteig steht. Dorthinein stellen sie ihre Sattelauflieger ab. Dann fährt die Zugmaschine ab - zum nächsten Auftrag. Der Güterzug fährt ein, wird gleichzeitig be- und entladen:
Die Spezialwanne (mit dem Trailer) wird wie von Geisterhand auf den Güterwagen geschoben; zur selben Zeit wird eine Wanne vom Güterwagen heruntergeschoben, zur anderen Seite. Das geschieht zeitgleich bei allen Waggons des gesamten Zuges. "In weniger als einer Stunde passiert, was früher einen halben Tag gedauert hat", sagt Titus Lehmann.
Seine Lehrmann UMT GmbH aus Jocketa hat die Verschub-Einrichtung mit entwickelt und ist beteiligt, dieses System in Europa zu etablieren. In Calais, am französischen Ende des Eisenbahntunnels nach England, hat ein Konsortium (unter anderem hat BMW investiert) eben ein CargoBeamer-Terminal in Betrieb genommen, das beweisen soll: Alles funktioniert im Dauerbetrieb - ohne Kräne und Gabelstapler.
Gerade sind zwei Lehmann-Monteure zurück aus Frankreich. Die Männer hatten zwölf Wochen geholfen, um im Vogtland konstruierte und gefertigte Baugruppen des Schubmechanismus in Calais zu montieren. Von dem Terminal gehen Zuge nach Perpignon in Frankreich.
Die Zusammenarbeit mit CargoBeamer währt schon Jahre - und es ist eine gute, faire Zusammenarbeit, wie Projektleiter Werner Kirsten sagt. "Wir kooperieren auf Augenhöhe. Das Gleiche praktizieren wir mit unseren Kooperationspartnern in der Region wie dem Ingenieurbüro Rudat in Plauen, dem Stahlbau Weischlitz-Rosenberg oder Fissek in Reichenbach. Mit ihnen bilden wir ein erfolgreiches vogtländisches Netzwerk."
Ausgangspunkt war vor vielen Jahren ein Patent gewesen, dass Senior-Chef Thilo Lehmann auf ein Verschub-System hatte. So kam der Kontakt mit CargoBeamer-Erfinder Dr. H.-J. Weidemann zustande, der bis heute hält. 2010 entwickeln, fertigen und montieren die "Lehmänner" die Verschub-Einrichtung für eine Versuchsstation in Leipzig - und stellen danach Kinderkrankheiten ab. Später sind sie dabei, als eine vergrößerte Version in Wolfsburg bei VW entsteht. Nun sind sie Partner in Calais - und es geht weiter: Weitere Standorte in Europa sind in Vorbereitung, etwa in Polen, ein weiterer in Frankreich, in Duisburg und an der Nordsee. "Bis 2030 soll die Anzahl der CargoBeamer-Standorte zweistellig werden und ganz großes Fernziel ist die Anbindung an die Seidenstraße nach China", sagt Kirsten, nach dessen Worten die Technik erst im Verbund ihre Vorzüge voll zeigen kann. "Natürlich hoffen wir auf weitere Aufträge."
Klar sei außerdem, dass Lehmann im bulgarischen Burgas eine Teststation für die CargoBeamer-Spezialwaggons baut, die in Bulgarien gefertigt werden. "Ende September geht‘s los", erklärt Kirsten, der im Zusammenhang mit dem Gesamtprojekt von einer Herzenssache spricht. "Es ist ein tolles Gefühl, an einem zukunftsträchtigen, nachhaltigen Projekt mitzuarbeiten. Denn an der Reduzierung des Straßenverkehrs führt kein Weg vorbei, um die Umwelt zu entlasten. In Zeiten, in denen der halbe Westen wegschwimmt, ist CargoBeamer die halbe Antwort." ufa