Deutschland im Radsattel erkunden

Wenn Gleichaltrige als Backpacker durch Australien ziehen, nimmt Mika Grünler um die 5800 Kilometer deutsche Radwege und Asphaltstraßen unter die fetten Reifen seines Mountainbikes. Der 19-jährige Plauener steuert auf seiner Deutschland-Tour 73 Städte an.

Von Cornelia Henze

Plauen Am 10. Juli holen seine Mitschüler am Gymnasium der "Anne Frank" ihr Zeugnis ab- Mika hingegen sitzt dann schon vier Tage im Sattel und hat Jena, nach Gera seine zweite Station, schon erreicht. Wegen Corona kein Abiball, keine feierliche Zeugnisübergabe mit der Familie - was soll‘s! hat sich Mika gedacht. Doch wer denkt, dass sich der Abiturient spontan in ein Abenteuer stürzt, irrt. Akribisch hat er die 400tägige Route geplant, hat Karten erstellt, an Auftritten im Internet (Homepage, Instagram) und an einem Logo gebastelt, sich einen YouTube-Kanal eingerichtet und mögliche Sponsoren angeschrieben.
"In Deutschland gibt es so viele coole Orte, die ich noch nicht kenne", begründet Mika, warum er in seinem eigenen Land radelt und nicht durch Europa oder gar in Übersee. Kürzere Radtouren mit Familie und Freunde haben ihm nun Appetit auf mehr gemacht. Vor allem die Großstädte ziehen ihn an. Hotspots wie München, Frankfurt/Main, Hamburg, Berlin, Leipzig, Köln und die Städte im Ruhrgebiet stehen auf der Liste zwischen dem 6. Juli 2020 und dem 25. September 2021, dem Tag, an dem Mika Grünler wieder in Plauen einradeln wird. Unterwegs werde man immer wieder von ihm hören, verspricht er seiner Familie, den Freunden und all jenen, die sich für die Deutschland-Tour interessieren. Über YouTube wird er an jedem Stop über sich, die Stadt und wie diese und ihre Menschen ihn aufgenommen haben, berichten.
Vor allem ist Mika Grünler an den Menschen interessiert. Und hier besonders auf die im Westen Deutschlands. Ihn interessiert, wie sie ticken, ob es wirklich Unterschiede zwischen Ost und West gibt und was die Menschen in den alten Ländern von denen in den neuen halten. Deshalb, und auch weil sein finanzielles Budget schmal ist, will der Plauener kostenlos auf der Couch noch unbekannter Gastgeber übernachetn - man nennt es Couchsurfing - oder Halt machen in Jugendherbergen und Studenten-WGs. Von den neuen Kontakten verspricht sich Mika auch den einen oder anderen Tip und Kontakt für einen Gelegenheitjob zu bekommen. Denn rund 1000 Euro wird er auf seiner Reise monatlich verbraten - Geld, das Mika noch nicht hat.
"Ich habe schon in den Ferien viel gejobbt und bin recht breit aufgestellt", und der 19-Jährige zählt auf: Er hat im Restaurant gekellnert und im Supermarkt Dosen aufgeschlichtet, im Immobilienbüro und im Eventcenter, bei Golle-Zelte und im PET-Recycling-Geschäft gearbeitet. Bisher habe er noch keine Jobzusage erhalten. Eher Absagen. Er hofft, dass sich vor Ort Gelegenheiten dazu ergibt. Arbeit finden will Mika Grünler in der Hauptstadt, in Hamburg und München, Saarbrücken, Stuttart und Frankfurt, Erfurt Ingolstadt und Dresden.
Aus jetziger Sicht würde Mika Grünler nach seiner Deutschland-Tour in Dresden gerne Verkehrsingenieurwesen studieren. Welche Radwege gibt es, und wie gut sind sie ausgeschildert, wie sind die Verkehrsnetze in den Städten auf- und ausgebaut, sind weitere Punkte, die den Abiturienten interessieren. Wann immer es geht, wird der Plauener seine Heimat in der Ferne preisen. Dafür hat er die Stadt Plauen, den Tourismusverband Vogtland und Yvonne Magwas um Rat und Hilfe angeschrieben - aber noch keine Antwort erhalten. Für sich selbst will er erkunden, in welcher Gegend oder Stadt es sich später gut leben lässt und wo sein Herz ihn hinziehen wird.
Ein Stück ist also auf dieser Reise der Weg das Ziel. Von den 5800 Kilometern will Mika auf jeden Fall 4000 per Rad strampeln. Nur wenn die Steigung zu steil wird - so wie zwischen Passau und München - wird er sich ein Bahnticket leisten.
Ansonsten gilt: So wenig Ballast wie möglich mitnehmen. Sein 27gängiges Mountainbike fasst vier Radtaschen und maximal 120 Kilo Gepäck. www.deutschlandtour-mikagruenler.de