Der zerplatzte Traum des Zaidullah

Unter den 36 Afghanen, die Mittwochabend von Leipzig aus in ihre Heimat abgeschoben wurden, befindet sich auch ein Asylbewerber aus Plauen. Ein 26-jähriger Schweißer, der direkt vom Arbeitsplatz weg in Gewahrsam genommen wurde.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Eigentlich wäre es für Zaidullah A. ein ganz normaler Arbeitstag geworden. Die Arbeit als Schweißer macht ihm Spaß, mit seinem unmittelbaren Chef ist ein gutes Auskommen und für einen Schwatz mit den Kollegen in der Pause ist er auch stets zu haben. Die beschreiben ihn übrigens als fleißig, geradlinig. Zaidullah hat in den letzten zwei Monaten vieles auf die Reihe bekommen. Seit August besitzt er einen festen Arbeitsvertrag beim Automobilzulieferer Boysen. Davor verdiente er seine Brötchen ebenfalls selbst als Zeitarbeiter. Ob er von seinem neuen Glück in Deutschland - er reiste im Dezember 2015 ein - seinen Angehörigen berichtete, man kann davon ausgehen.
Doch am Mittwochmittag stürzten die Hoffnungen des 26-jährigen Afghanen, hier eine Zukunft zu finden, abrupt in sich zusammen. An seinem Arbeitsplatz erschienen Polizeibeamte, die ihn mitnahmen und zunächst in eine Polizeizelle brachten. Hatte Zaidullah A. eine dunkle Seite, von der sein Chef, seine Kollegen nichts wussten? War er bei einem Diebstahl erwischt worden oder beim Dealen? Hatte er irgendwann die Fäuste spielen lassen? Mitnichten. Der junge Afghane wäre für eine so genannte Beschäftigungsduldung in Frage gekommen, die nur noch nicht in Kraft getreten war, sagt die ihn betreuende Arbeitsmarktmentorin. Besagte Beschäftigungsduldung war im Sommer gemeinsam mit dem Migrationspaket verabschiedet worden. Die Beschäftigungsduldung wurde mit dem sogenannten "Migrationspaket" im Sommer dieses Jahres verabschiedet. Sie soll jene vor Abschiebung schützen, die ihren Lebensunterhalt sichern können. Allerdings tritt sie erst am 1. Januar 2020 in Kraft. Ein Erlass, der bis Jahresende vorgesehen hätte, die in Frage kommenden Menschen mittels einer Ermessensduldung zu schützen, kam von Seiten der Landesregierung nicht zustande. Dennoch hatten die Mentorinnen die Ausländerbehörde ersucht, ihn durch Ermessen bis Jahresende nicht abzuschieben.
Was ihn nach seiner Verhaftung erwarten würde, dürfte Zaidullah schnell klar geworden sein. Wie er in Polizeigewahrsam reagierte, ist nicht bekannt. Bekannt aber ist, dass er wenig später in die Psychiatrie des Vogtland-Klinikums eingeliefert wurde. Als die ihn betreuenden Mentorinnen, die sich über Monate intensiv und schließlich erfolgreich bemüht hatten, dem Mann im Vogtland eine Perspektive zu schaffen, vor Ort eintreffen, sei das Zimmer "voller Polizei" gewesen. In der kurzen Zeit bis dahin hatten die Mentorinnen den Sächsischen Flüchtlingsrat informiert, ein Anwalt nahm Kontakt zur Polizei auf. Parallel war ein Eilantrag auf den Weg gebracht worden, um die noch am Abend drohende Abschiebung zu verhindern.
Als die acht Beamten das Zimmer verließen, befand sich Zaidullah zwischen ihnen. Augenzeugen beschreiben ihn als völlig teilnahmslos. Das Versprechen eines Beamten, noch einmal kurzen Kontakt zu dem jungen Mann aufnehmen, ihn wenigstens verabschieden zu können, wurde nicht eingehalten.
19 Uhr teilt der Anwalt mit, dass der Eilantrag abgelehnt wurde, 21 Uhr hebt die Sondermaschine mit 36 abgeschobenen Asylbewerbern aus dem ganzen Bundesgebiet in Leipzig gen Kabul ab - dem Vernehmen nach soll Zaidullah der einzige aus Sachsen sein. Bereits Ende Juli waren auf gleiche Weise 45 Afghanen in ihre Heimat abgeschoben worden. Ein Landsmann von ihm, der ebenfalls in Plauen wohnt und eine Lehre zum Altenpfleger absolviert, kennt Zaidullah vom gemeinsamen Training imFitness-Studio. Er sei ein netter Kerl gewesen, der mit zwei anderen Landsleuten in Plauen in einer WG wohnte. Leider, so Asif N., sei Zaidullah bereits zwei mal abgelehnt worden. Viele würden daraufhin Deutschland verlassen und nach Östrreich oder spanien gehen - er aber habe an eine zukunft in Deutschland geglaubt und sei geblieben.
Für Zaidullah dürften die Türen nach Deutschland wohl für immer verschlossen bleiben. "Er hat eine Wiedereinreisesperre die für ganz Europa gilt und würde sofort verhaftet werden, sagt Mark Gärtner, Pressesprecher des Sächsischen Flüchtlingsrates. Um diese aufzuheben, müsste man "wahnsinnig hohe juristische Hürden" nehmen, zumal die deutsche Botschaft in Kabul quasi nicht existent sei und sich Zaidullah nach Islamabad durchschlagen müsste. Inzwischen ist die Maschine in Kabul gelandet. Drei dutzend Menschen haben Heimatboden betreten. Was in ihren Köpfen vorgeht, kann man bestenfalls erahnen. "Inzwischen muss davon ausgegangen werden, dass auch solche Abschiebungen einfach gewollt sind", kommentiert Gärtner die Tatsache, dass eine Abschiebung direkt vom Arbeitsplatz keinen Einzelfall darstellt.