Der Zeit auf der Spur

Sind 80 Jahre eine lange Zeit? Zeit ist das zentrale Thema, mit dem sich der Künstler Frank-Herbert Zaumzeil auseinandersetzt. In Gedanken, Worten und seinen Arbeiten. Am Mittwoch wird der Maler und Grafiker aus Kleingera 80 Jahre alt. Zeit, Leben und Kunst reflektiert Zaumzeil in dem Buch "Der Weg neben der Spur". Es ist ein philosophisches Geschenk in Text und Bild an sich selbst.

Kleingera Zaumzeil hält Rückschau. Reflektiert Stationen seines Lebens. Spricht von künstlerischen Prozessen als Seelenwanderung ins Unbekannte. Private Lebensabschnitte, seien es Höhen oder Tiefpunkte, verarbeitet er in seinen Arbeiten als Aquarell, Tuschezeichnung, Mischtechnik, Collage. Und immer wieder das Hadern, unverstanden zu sein von Menschen, deren Kunstverständnis nicht über die des realistisch Abgebildeten hinausreiche. Auf seiner ländlichen Scholle fehle das Verständnis für Kunst, beklagt Zaumzeil. "Daher beginnt für mich das Leben neben der Spur." Einerseits vermisst der Künstler in seinem Dörfchen Kleingera Gleichgesinnte, andererseits habe ihm der Wohnungswechsel von der Stadt aufs Land Freiraum gegeben um sich selbst zu finden. Die "Scholle" zwischen Acker und Wiese ist heute Kleingera - war gestern Rotschau, kurzum ist immer das nördliche Vogtland gewesen. 1941 in Rotschau geboren, fühlt sich Frank Zaumzeil schon als Kind dem Landleben verbunden, das er schon früh mit dem Zeichenstift festhält. 1956 war sein erster Malkasten treuer Begleiter zur Malschule in Zwickau.

Bildhaft spricht Zaumzeil von Kindheitserinnerungen: der mächtigen Buche an der Schule in Rotschau und deren wohlschmeckenden Bucheckern, seinen Lieblingsblumen, den Astern, die er mit dem karierten Küchentuch der Mutter assoziiert. Der Leser seiner Texte sieht den Rucksack vor sich, in dem immer der Skizzenblock steckt, den er mit Zeichnungen gefüllt von seinen Wanderungen durchs Vogtland zurückbringt. Nach einer Musterzeichnerlehre und einem anschließenden Studium zum Diplomdesigner an der Fachhochschule Schneeberg arbeitet er von 1971 bis zur Wende im Zentralen Musterbüro in Lengenfeld, und ist danach freiberuflich tätig. Die Zeit der gesicherten, geradlinigen Jahre ist vorbei, als Zaumzeil 1995 schwer erkrankt. Durch den Zuspruch der Tochter findet er zur Kunst zurück. Sie ist die Therapie, um dem dunklen Loch zu entrinnen. Zaumzeil zeichnet zunehmend abstrakter. Der rote Strich, der sich wie eine pulsierende Lebensader durch seine Bilder zieht, wird zu seinem Markenzeichen. Rote, kräftige Linien im Kontrast zu Schwarz und Weiß, und immer wieder ein Kreuz tauchen in seinen Arbeiten auf. Auf seinen großformatigen Bildern geht es lebhaft zu. Meditatives und Konkretes, Illusion und Realität, Gestern und Heute gehen eine Liaison ein. Auf seinen Reisen durch Europa wird Zaumzeil künstlerisch von Türmen und Kathedralen inspiriert, zu abstrakten Formen werden in der Natur vorgefundene Blüten und Blätter. Als 2014 einige seiner Bilder auf dem Weg zu einer Ausstellung mysteriös verschwinden, nimmt er Anleihe in der griechischen Mythologie und schickt seine "Sirenen auf Bilderfang".


Auf 16 Seiten nimmt der aus der Spur Geratene Kunstfreunde durch sein Leben mit - in Text und Bild. Noch mehr darüber hinaus über Kunst, das Leben und die Zeit zu berichten gehabt hätte Frank Zaumzeil auf seiner Retrospektive auf Burg Mylau, anlässlich seines 80. Geburtstages. Doch eine Vernissage wird es aus bekannten Gründen nicht geben. Die bereits gehängten Bilder hat Zaumzeil nun wieder abgenommen, hoffend, bald seinem Publikum begegnen und ihnen Lebensweisheiten wie diese sagen zu dürfen: "Wir sollten mit kostbarer Zeit bewusster umgehen, ehe es zu spät ist."


"Der Weg neben der Spur" wurde zu 200 Stück von den Göltzschtalwerkstätten Vogtland der Diakonie gedruckt und von der Stadt Reichenbach gefördert.