Der verschwundene Journalist

In ihrem kürzlich erschienenen Buch "Der verschwundene Journalist" begibt sich die Berliner Historikerin und Kunstexpertin Eva Züchner auf die Suche nach biografischen Stationen ihres Vaters Gerhart Weise, der mit Erich Ohser befreundet war.

 

Wegen nachgewiesener Wehrkraftzersetzung wurden der Pressezeichner und Illustrator Erich Ohser und sein langjähriger Freund Erich Knauf am 28. März 1944 verhaftet. Von diesem Zeitpunkt an waren beide der Nazi-Justiz auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ihnen drohte die Hinrichtung. In ihrem kürzlich erschienenen Buch "Der verschwundene Journalist" begibt sich die Berliner Historikerin und Kunstexpertin Eva Züchner auf die Suche nach biografischen Stationen ihres Vaters Gerhart Weise, der mit Erich Ohser befreundet war.

Beide arbeiteten für die Wochenzeitung "Das Reich", einem Presseorgan, das den Anschein erwecken sollte, als wollten die Nationalsozialisten publizistisch höheren intellektuellen Ansprüchen gerecht werden. Ein solches Presseorgan erschien ganz im Interesse und auf Geheiß des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels seit Mai 1940, irritierte allerdings so manchen Freund Erich Ohsers, da man glauben musste, er habe die Seiten gewechselt. Heute wird deshalb häufig die Frage laut, warum Goebbels seinem "verdienten Illustrator" nicht durch eine großherzige Geste die geplante Hinrichtung erspart hat.

Ohser nahm sich schließlich in aussichtsloser Situation am 6. April 1944 das Leben. Einen Tag davor hatte er noch einen verzweifelten Bittbrief an den Reichspropagandaminister geschrieben. Eva Züchner hat sich nach eingehenden Recherchen - acht Seiten Quellenangaben kleingedruckt, allerdings nur zum Teil zu Ohser zeugen davon - mit dieser Problematik befasst. Sie schreibt, dass ausgerechnet in besagter Wochenzeitung "Das Reich" ein Beitrag von Schwarz van Berk zur Frage der Wehrkraftzersetzung gestanden hat. Darin wurde Dienstpflichtverweigerern die Todesstrafe angedroht. Denen, die durch ihre Äußerungen die Kriegsmoral zersetzen wollten, sollte es nicht besser ergehen und bei Unterlassung einer Anzeige musste mit härtesten Strafen gerechnet werden.

Bruno Schultz, der im Luftschutzkeller in Kaulsdorf bei Berlin fleißig mitschrieb, was Ohser und Knauf leichtfertig äußerten - also der eigentliche Judas Ischariot - war nicht nur Überzeugungstäter, sondern hatte wohl auch im Auge, die sogenannte "Kriegssonderstrafrechtsverordnung" buchstabengetreu einzuhalten, um die eigene Haut zu retten. Was der Erich-Ohser-Abschnitt in Eva Züchners Buch besonders aufschlussreich macht, sind Recherchen zum Verhalten ihres Vaters Gerhart Weise, der ja ein Freund Erich Ohsers war.

Die Historikerin schreibt: "Von meiner Mutter weiß ich, dass mein Vater über seine Kontakte im Ministerium schon früh von der drohenden Verhaftung Erich Ohsers erfahren hat. Er sagt es seiner Frau. Die bittet ihn, seinen Freund zu warnen. Er weigert sich." Eva Züchner schreibt dann, dass ihr Vater nicht nur die erwartete Warnung an Ohser unterlassen hat, sondern sich der "aktiven Beihilfe schuldig gemacht hat". In einer überlieferten Aktennotiz vom 7. März 1944 von ihm heißt es, dass er Hauptmann Schultz empfangen habe, nur um sich nochmals die Richtigkeit seiner Berichte über Knauf und Ohser bestätigen zu lassen.

"So aber hat mein Vater zwei Menschen wissentlich mit in den Tod geschickt", schreibt anklagend die Tochter. Der Buchtitel bezieht sich auf Gerhart Weise, Jahrgang 1913, den begabten Journalisten, Filmspezialisten und charakterlosen "Diener" im nazistischen Deutschen Reich. In Eva Züchners Buch, das durch faktenreiche Aussagekraft, eindeutig-präzise Sprache, subtile Wertungsfähigkeit der Autorin eines der wertvollsten und ungewöhnlichsten dokumentarischen Zeugnisse über die Nazizeit darstellt, erfährt der Leser nicht nur etwas über das verwerfliche Handeln von Gerhart Weise, sondern auch über das diktatorische System und die Instrumente seiner Machtausübung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Gerhart Weise von der Geheimpolizei der Sowjets verhaftet. Dann verliert sich seine Spur. Auf den letzten Seiten erfährt der Leser etwas über die ehemaligen Weggefährten Gerhart Weises, die zu einem großen Teil noch eine zweite Karriere machten.