Der Ur-Instinkt der Hofgut-Kühe

Im Kuh-Galopp geht es zur Weide auf dem Hofgut Eichigt. Ammenkühe ziehen bald bis zu drei Kälber auf in neuen Ställen. Die fertigen offenen Stall-Schiffe haben ein bepflanztes Dach oder Solar, sind Schwalben-Hotel und Roboter helfen beim Füttern. Im Melk-Karussell werden 60 Kühe gleichzeitig bedient und Hörner bleiben auf dem Kuh-Kopf.

Von Marlies Dähn

 

Eichigt - Der Futter-Roboter bringt Futter ran. Kühe schnappen sich beim Fressen oft die Leckerbissen zuerst. Die Kuh-Schnauze schiebt dabei womöglich das Futter außer Reichweite. Von Zeit zu Zeit rollt daher der kleine Roboter wie ein Hund aus seiner Hütte und befördert breitgestreute Kost wieder Richtung Kuhmaul. 
In 16 Gruppen zu jeweils 100 Kühen stehen die Tiere im Hofgut im Außen-Klima-Stall, haben statt vorher sechs nun 15 Quadratmeter Platz, ruhen sich in Liege-Boxen auf Stroh aus. Entscheiden selbst, ob sie herumlaufen, sich eine Bürstenmassage gönnen, fressen oder von der Weide zum Melk-Karussell trotten. Treiber sind nicht nötig. Ist das Euter prall, kommen sie freiwillig auf den mit Sand belegten Triebwegen zum Stall zurück. 
Der ist lichtdurchflutet und nach beiden Seiten hin offen. Bei Kälte, Zugluft und Gestöber sorgen Jalousien für Behaglichkeit. Das hört sich phantastisch utopisch an, ist aber Realität im Hofgut Eichigt. Die erste Saison mit Weidehaltung für alle Tiere ist erfolgreich beendet. "Die Milchleistung ist leicht zurück gegangen. Dafür sind die Tiere gesünder, fitter, neugierig und zutraulich", freut sich Lukas Nossol. Auch für ihn als viertes von acht Kindern der Unternehmerfamilie ist Öko-Landbau eine Sache des Herzens, genau wie für seinen Vater, Thomas Greim. Er habe es sich zur Aufgabe gemacht, Nahrungsmittel nicht ohne Tierwohl in den Handel zu bringen, sagt Lukas Nossol. Das betreffe nicht nur die Milchkühe, sondern auch jene Lebewesen, die für fruchtbare Böden sorgen und eingebunden sind, in einen intakten Kreislauf der Natur mit einem Geben und Nehmen. 
Daher werde geforscht und eng mit Universitäten in Berlin, Bonn, München oder Dresden zusammengearbeitet. Experten von dort waren gestern auch als gefragte Gastreferenten in Eichigt. Bei einem Öko-Expertenforum ging es diesmal um den Schwerpunkt "Boden und Humus", Pressevertreter hatten dabei Gelegenheit, sich auf dem Hofgut umzuschauen. 
"Seit wir unsere Kühe im neuen Stall halten, haben sie zu unserem Erstaunen Winterfell bekommen", freut sich Nadine Adler und auch andere Urinstinkte aktiviert.
Seit drei Jahren die junge Frau im Hofgut und erlebt hautnah die umwälzenden Veränderungen mit, die sie wissenschaftlich begleitet und in vielen Vorträgen für Bio-Landwirtschaft wirbt. 
Auch den Bau von Nisthilfen für das Schwalbenhotel betreute Nadine Adler sowie weitere Projekte mit Kindern, die nun mehr Verständnis haben, wenn ein Traktor durchs Dorf tuckert, wenn es im Bio-Land auch mal nach Gülle riecht und die sich mitfreuen, wenn auch die Kühe manchmal Freudensprünge auf dem Weg zur der Weide machen. "Es war ein emotionaler Moment, als im Dezember 2017 unsere Kühe ihren neuen Stall ohne größere Scheu in Besitz nahmen", sagt Nadine Adler. 
Bald startet das Projekt Ammen-Kühe. Dabei zieht eine Kuh nicht ihr eigenes, sonder bis zu drei fremde Kälber auf.
 Die stehen bald im fast fertigen Ammenkuhstall. "Etwa 120 Ammen brauchen wir", sagt Nadine Adler. Die Kälber können den ganzen Tag Milch saugen und werden nicht per Eimer gefüttert, wie sonst üblich. Auch gibt es einen sogenannten Kälber-Schlupf. "Wenn sich die Kälber zurückziehen wollen, passen nur sie da durch." 
Für Gemütlichkeit sorgt ein sogenannter "Kälberhimmel", ähnlich einem Himmelbett. Die Ammenkühe sind für die Monate der Kälberaufzucht raus aus der Milchproduktion. 
Pro Tag verlassen 20 000 bis 25 000 Liter Rohmilch das Hofgut Eichigt in Richtung Herzgut-Molkerei Thüringen. Zurück kommt die Eichigter Milch als Weidevollmilch, Käse oder Joghurt und ist (nicht nur) in denn's Biomarkt zu haben.