Der Sound des Waldes

Die Stelzenfestspiele bei Reuth im Vogtland gelten als Kultfestival und überraschen jedes Jahr mit originellen Aufführungen. In diesem Jahr wirkt auch die Insektenwelt mit.

Stelzen Die Stelzenfestspiele bei Reuth gewähren bei ihrer Neuauflage am kommenden Wochenende einen Einblick in die faszinierende Welt der Honigbienen. Unter dem Titel "Sum ma sum ma rum" kann das Publikum das Leben in einem Bienenstock mitverfolgen. Die Bilder und Geräusche werden mit einer Kamera und sensiblen Mikrofonen nach außen übertragen und sind dann von Freitag bis Sonntag als Bienenkonzert erlebbar.
Eröffnet wird das Musikfestival wie jedes Jahr mit einer neuen Version der Klangperformance Landmaschinensinfonie. Diesmal soll der Sound des Waldes in der Festspielscheune im Mittelpunkt stehen. Dass Motorsägen dabei zum Instrumentarium der Musiker gehören, darf getrost angenommen werden. Bei der Performance werden alljährlich Maschinen zum Klingen gebracht. Fest installiertes Instrumentarium wie die Gülleorgel oder eine von der Decke baumelnde Melkspinne gehören genauso dazu wie mobiles Gerät. Aufgrund des großen Andrangs wird die Performance zweimal hintereinander gezeigt.
Klassiker der Festspiele wie die Pyroshow Sprengmeisters Nachtgesang, das Dorffest oder der Pokalfight der Fußballer von Traktor Stelzen gegen eine Auswahl des Leipziger Gewandhausorchesters gehören ebenso zum Programm wie neue Töne. So geben Meisterschüler der Folkwang Universität Essen in der Dorfkirche ein Akkordeon-Konzert. Beim Ersten Wiener Gemüseorchester bestehen die Instrumente ausschließlich aus Gemüse und werden nach Ende des Konzertes gern auch verspeist. Als Vegetable Orchestra sind die Wiener auch über Österreichs Grenzen hinaus bekannt - in Stelzen sind sie als "vitaminreichstes Ensemble nördlich der Alpen" angekündigt.
Auch Künstler aus fernen Ländern sind zu Gast. Das Trio Sakili stammt aus der zu Mauritius gehörenden Insel Rodrigues, Landmaschinen- Musiker Hayden Chisholm aus Neuseeland und sein Kollege Gareth Lubbe aus Südafrika. Das Stelzenfestspielorchester mit 80 Musikern des Leipziger Gewandhauses bestreitet traditionell das Finale. In diesem Jahr erklingen unter anderem die 3. Symphonie von Brahms und das Konzert für Horn und Orchester von Mozart.
Der Leipziger Gewandhaus-Bratscher Henry Schneider hatte das Festival 1993 als Dankeschön an seine vogtländische Heimat gegründet. Als Musiker war er in alle Welt gereist, nun wollte er die Welt in sein Dorf holen. Mit ungewöhnlichen Konzerten erregten die Festspiele schon bald überregional Aufsehen. Selbst Medien aus dem Ausland reisten an, um über das musikalische Treiben in der Provinz zu berichten. Musiziert wird in Scheunen, der Dorfkirche oder direkt in Wald und Flur. Allerdings dreht sich in Stelzen nicht alles um Musik, auch Theater, Tanz und Ausstellungen gehören zum Programm.
Das 180-Einwohner-Dorf Stelzen liegt in Thüringen, das zwei Kilometer entfernte Reuth auf sächsischem Gebiet. Aber auch aus dem nicht sehr weit entfernten Bayreuth reisen jedes Jahr Fans an. Stelzen bei Reuth und Bayreuth haben vieles gemeinsam. Das dortige Festspielhaus heißt in Stelzen Festspielscheune und der Grüne Hügel ist hier der Stelzenberg. Natürlich wird auch in Stelzen Richard Wagner gespielt.
Dass ein ganzes Dorf in die Vorbereitung des Festivals eingebunden ist, gehört gleichfalls zu den Besonderheiten. Die Frauen von Stelzen backen Unmengen von Kuchen, andere Einwohner stehen am Grill, hinter dem Tresen des Bierwagens und manchmal sogar selbst auf der Bühne. All das macht Stelzen zu einem außergewöhnlichen Festival und hat ihm ein treues Stammpublikum beschert, das aus ganz Deutschland mit Zelt und Wohnwagen anreist.