Der Klang der Stille

Im Musikwinkel Markneukirchen sind die Instrumente verstummt. Die Brüder Lukas (27) und Jonas (22) Winkel lassen im Video "Stille Orte" Musiker und Instrumentenbauer zu Wort kommen. Zu ihnen haben die Brüder aus Bad Elster eine ganz besondere Beziehung.

Von Cornelia Henze

Markneukirchen/Bad Elster Wer Winkel heißt und zudem aus dem Musikwinkel stammt, muss Musik einfach im Blut haben. Die Brüder aus Bad Elster kennt man im Vogtland als exzellente Musiker mit drei Generationen umfassender Familientradition im Waldhornblasen. Der Opa war Profi-Waldhornbläser, dessen Kinder und Enkel natürlich ebenso. Bis zum Bundeswettbewerb haben es die Winkel-Jungs in ihren Schülerzeiten gebracht, sie spielten im Schulorchester des Markneukirchener Gymnasiums und standen da auch im Musical auf der Bühne. Nun sind die Brüder ins Medienfach gewechselt. Lukas, der Ältere, hat in Merseburg Kultur- und Medienpädagogik studiert und arbeitet nun als Werkstudent im Pressebüro einer Nürnberger Software-Firma.


Der Jüngere studiert Medientechnik und Medienproduktion in Amberg und ist der versiertere von beiden in Sachen Kamera. Zusammen haben die jungen Männer einen Videodreh-Auftrag des Sächsischen Musikrates angenommen - herausgekommen ist ein etwas über siebenminütiger Film über die Situation der Musikbranche in Markneukirchen. Interviewt wurden Dirigenten, Instrumentenbauer und Carola Schlegel, Chefin des Internationalen Instrumentalwettbewerbes. Ein Zeitdokument, das innerhalb von zwei Tagen mehr als 1000 Klicks auf youtube bekam. "Recherche und Film waren für uns Herzensangelegenheiten, denn auch wir standen seit langer Zeit auf keiner Bühne mehr", so Lukas Winkel. Dass die Brüder selbst musizieren, hat ihnen eine hohenBekanntheitsgrad unter Instrumentenbauern eingebracht und den Winkel-Brüdern die Türen zu den Werkstätten geöffnet. Was die Winkels dort zu hören bekamen, ist eher unerfreulich

. "Wir sind in Kurzarbeit, es gibt weniger Aufträge, weniger Reparaturen, es werden weniger Instrumente bestellt", berichtet Metallblasinstrumentenmacher Christan Baer. 2020 habe die Branche noch von der Mehrwertsteuersenkung profitiert. Doch seit Januar sei es merklich ruhiger geworden, sagt Zupfinstrumentenmeister Mario Gropp. Der persönliche Kontakt zu den Musikern, die sich in den Werkstätten passgenau auf ihre Bedürfnisse Instrumente anfertigen lassen, sei überaus wichtig - zu Corona-Zeiten aber nahezu abgebrochen. "Über Telefon oder Skype ist das nicht möglich." Das bestätigt Geigenbaumeister Reinhard Bönsch: "Wenn die Musiker nicht mehr ins Vogtland reisen, können sie in den Werkstätten keine Aufträge und kaputten Instrumente abgeben. Wenn keine Meisterkurse stattfinden und für uns keine Messebesuche möglich ist, woher sollen die wissen, dass es uns gibt?" Jeder Kunde wolle sein ganz eigenens, individuelles Instrument - der nahe Kontakt zur Werkstatt sei unheimlich wichtig, bemerkt Holzblasinstrumentenmacherin Silke Atze.


Am Nicht-Reisen-Können ist letztlich auch der diesjährige Internationale Instrumentalwettbewerb für Violine und Kontrabass gescheitert. 191 Musiker aus 41 Ländern hatten sich für den angesehenen Contest im Mai beworben. Für viele wäre die Anreise nicht oder nur unter Widrigkeiten möglich gewesen. Zeitlich und finanziell wäre es unzumutbar gewesen, Musiker und Juroren in Deutschland vor dem Wettbewerb erst zwei Wochen in Quarantäne zu schicken. "Das hätte sich keiner leisten klönnen", sagt Carola Schlegel. Schweren Herzens habe man den Wettbewerb nun abgesagt und sich auch gegen eine digitale Contest-Austragung entschieden. Die Bewertung eines Vorspiels via Video könne niemals fair sein aufgrund verschiedener Möglichkeiten, Videos aufzunehmen. Die Ausdruckskraft einer küsntlerischen Persönlichkeit - ein Wettbewerbskriterium - könne nur im Live-Vorspiel bewertet werden.
Bei allen verstummten Instrumenten, leeren Bühnen und Auftragsbüchern: Ein Klagelied soll der Winkelsche Beitrag nicht sein. Die Corona-Auszeit bezeichnet Enrico Weller, Lehrer und Chef des Markneukirchener Blasorchesters, sagt es so: "Es ist Generalpause. Wir warten. Eine Generalpause ist nicht der Abschluss. Es ist ein Einschnitt."
https://youtu.be/IVkinc3zshQ