Der Herr der Steine dankt ab

Rote Fäden sind um das "Eichigter Zigeunergrab" gewickelt und künden von einem alten, geheimnisvollen Ritus, dem Christoph Stölzel seit langem auf der Spur ist. Man könnte sagen, sein Forschen zieht sich wie jener rote Faden durch sein Leben, das persönlich für ihn eine neue Wende nimmt: Seit heute ist Eichigts Bürgermeister Stölzel Ruheständler.

Von Cornelia Henze

Eichigt Der Schreibtisch ist geräumt für seinen Nachfolger Steffen Meinel. Das letzte amtliche Dokument hat Christoph Stölzel am Dienstag unterzeichnet. Es ging um Straßenbau. Am Montag zur letzten Gemeinderatssitzung sind ihm fast die Tränen gekommen. Gemeinderat und Bürger haben dem scheidenden Bürgermeister gute Worte gesagt und Geschenke überreicht. "Schlechtes wird ja bei Abschieden nie gesagt", sagt Stölzel salopp und denkt über die Beziehung zu seinen 1200 Einwohnern aus zehn Ortsteilen in all den 14 Jahren nach. Stänkerer gebe es immer, Leute, denen man es nie recht machen könne.


Mit Sorge hat der Bürgermeister all die Jahre registriert, dass in seinem Dorf mehr Menschen rechts wählen als an manch anderem Orten. "Aber ich bin halt keiner, der missioniert", sagt Stölzel. Besser, die Menschen durch Handeln überzeugen, was ihm gut gelungen sei, lobt er seine intakte Dorfgemeinschaft. "Als ich vor 14 Jahren das Amt antrat, war das Dorf bankrott und zerstritten. Ich habe versucht, die Außendarstellung wieder herzustellen." Stölzel hat das Dorf von Ballast befreit, ist aus aus seine Sicht unnützen Verbänden ausgetreten. Hat Unkonventionelles getan. Steine ins Rollen gebracht.


Steine. Die waren Christoph Stölzel immer wichtig und stehen in seiner Bürgermeister-Ära sowohl für das Erinnern an Werte und dörfliches Miteinander als auch für das Gestalten von Neuem. Steine stehen für Straßenbau, das neue Gerätehaus, die Sporthalle samt Sportlerheim. Das Herrichten des alten Schulteiles mit historischen Fensterkreuzen und Granitschiefer. Und für die 800.000 Euro teure, aber reichlich geförderte, Scheune am Drei-Ländereck in Ebmath, wo Vereine und Familien fröhlich feiern. Steine und mit ihnen Geschichte und Geschichten von früher hat Christoph Stölzel aus dem Vergessen geholt. Eichigt sei zwar immer arm, aber reich an Geschichte gewesen, scherzt er über das Flecklein Erde, das in vieler Hinsicht immer Grenzort gewesen ist. Hier kreuzten sich einst die Bistümer Bamberg, Regensburg und Naumburg/Zeitz - drei große Stelen hat Stölzel an dem besonderen Ort aufstellen lassen. Ein Grenzstein erinnert an die deutsch-deutsche Grenze und damit verbundene Familienschicksale in beiderseitigen deutschen Staaten. Die Körnerlinde an den frühdemokratischen Freiheitskämpfer Theodor Körner und letztlich die Scheune steht für das Miteinander der aus drei "Ländern" (Sachsen, Bayern, Böhmen) kommenden Menschen.


Eichigt, ein Grenzort, hat sich in den 14 Jahren weltoffener und grenzenloser gezeigt, als das Wort "Grenze" assoziiert. Denn da oben zwischen Wäldern, Feldern und kleinen Häuschen muss die Welt nicht zu Ende sein. Von einer Reihe interessanter Leute weiß Christoph Stölzel zu erzählen, die in Eichigt gestern und heute zu Hause waren und sind. Manche waren auch nur auf der Durchreise, wie der Sinto Johann Herrmann, fahrender Künstler und Vater von zehn Kindern, der aus dem Böhmischen kam, in Eichigt schwer erkrankte und 1873 im Ort starb. "Drei Tage war der Zigeuner im Gasthof aufgebahrt und wurde dann auf unserem Kirchhof beerdigt", sagt Stölzel und weist auf das gusseiserne Kreuz, das heute und dank ihm wieder an seiner alten Stelle steht. Bis in die 70er Jahre sei es dort gestanden, ruft Stölzel seine Kindheitserinnerung wach. Dann sei es weggerissen worden. Vor vier Jahren ist es ihm gelungen, das "Eichigter Zigeunergrab" - so ist es in der Historie vermerkt - wieder herzurichten. Ein Herzenswunsch, den Stölzel aus eigener Kasse, mit Geld, das man ihm zum Geburtstag schenkte, finanzierte. Von der Kultur, der Musik, den Traditionen des seit Jahrhunderten durch die Welt ziehenden Volkes sei er immer fasziniert gewesen.


So weiß auch fast jeder im Dorf, dass ihr Bürgermeister auf den Spuren der Roma in ganz Osteuropa unterwegs war, mit Rucksack, Schlafsack, Isomatte. Wander durch die Waldkarpaten, schlafen im Freien. Trampen. Stölzel hat die Welt gesehen, war in Rumänien, der Ukraine, selbst in Nepal. Ist interessiert an anderen Völkern, Traditionen, Religionen. Fasziniert ist er von Hinduismus und Buddhismus in Asien. Selbst sei er Humanist oder jemand, für den das Rauschen des Waldes eine religiöse Dimension besitze. Dabei ist Christoph Stölzel auch ein Geerdeter, einer, dessen Wurzeln in "seinem" Dorf liegen. In Eichigt habe der Ururgroßvater einst beim Glücksspiel Haus und Hof verloren, seine Eltern wurden in der Katharinenkirche getraut. Der Vater, ein Professor für Gießereitechnik, hat die Leuchter für den Orgelprospekt gegossen.


Stölzel könnte als "Herr der Steine" in die Dorfgeschichte eingehen, oder als jemand, der sich nie verbiegen ließ. Dass er lieber Guns n‘ Roses, AC/DC und Black Sabbat hört statt Volksmusik, dass er das offenes Hemd der Krawatte vorzieht, das hat er seinen Dorfleuten ganz schnell klar gemacht. Und sie haben es akzeptiert. Nur zum Fasching in Hundsgrün trage er Krawatte. Und das auch nur, um sie sich von den Narren alsbald abschneiden zu lassen, sagt Stölzel lächelnd und gesteht, dass er eine Abneigung gegen Krawattenträger entwickelt habe. Das offene Hemd stehe für ihn für beweglich, offen, frei sein. "Ich habe offene Krägen, keine Gardinen, keinen Zaun."
Frei sein, unterwegs sein - wie dazumal Johann Herrmann, dessen Grabkreuz seit wenigen Tagen mit roten und blauen Fäden umwickelt ist. Eine alte Tradition, hinter dessen Symbolik Christoph Stölzel noch nicht gekommen ist.