Der Göltzsch Maß nehmen

Wer vor Hochwasser warnen will, muss Bescheid wissen. Deshalb werden einzelne vogtländische Flüsse vermessen, derzeit ein Zufluss der Weißen Elster. Aus den abertausenden Messdaten entstehen Karten, die viele interessieren.

Rodewisch/Mylau - Die Gefahrenkarten zeigen die Orte, an denen Überflutung Überschwemmung droht. Flächen in Blautönen sind typisch für diese Karten, erklärt Bauingenieur Falk Mederer-Thelen. "Je dunkler, desto größer die Wassertiefe der Überschwemmungen."
Demgegenüber weisen Risikokarten nach seinen Angaben darauf hin, was passiert, wenn Schutzeinrichtungen versagen oder überlastet werden, wie Deiche zum Beispiel. "Sie stellen Szenarien dar und warnen vor wirtschaftlichem Schaden."
Nach Mederer-Thelens Worten sind die Karten öffentlich einsehbar und wichtig für viele - für Behörden, Versicherungen und Otto Normalverbraucher; die Karten sind eine Grundlage für Entscheidungen, wo am Gewässer zukünftig gebaut werden darf - und wo nicht.
Mederer-Thelen ist Prokurist der Bauer Tiefbauplanung GmbH. Das Ingenieurbüro aus Aue, mit seinen 50 Mitarbeitern, hat von der Landestalsperrenverwaltung den Auftrag erhalten, "Göltzsch und Weiße Göltzsch" zu vermessen, um die Karten zu erstellen - für die 35 Flusskilometer zwischen Talsperre Falkenstein und der Grenze zu Thüringen, oberhalb Greiz, bis zur Mündung in die Weiße Elster.
44 Wochen, von Februar 2020 bis April 2021 (mit halbjähriger Corona-Pause), waren drei Messtrupps der Firma mit je zwei Leuten unterwegs, berichtet Mederer-Thelen. "Am Jahresende oder Anfang 2022 könnten die Entwürfe der Karten vorliegen."
Er erklärt, wie die Karten entstehen: Jeder Messtrupp nimmt Querprofile (der Göltzsch) auf: Einer bedient die Messstation, der andere (in Wathose) stellt die Messlatte auf mindestens zehn Punkte - zwischen tiefster Stelle im Fluss und zehn Meter Abstand von beiden Ufern. Manchmal geht es nur mit Boot. Die Querprofile werden alle 25 bis 100 Meter ermittelt - abhängig vom Ausbaugrad des Flusses. "In Ortslagen müssen wir öfter messen", sagt Mederer-Thelen.
Insgesamt habe man 102.788 Messpunkte der Göltzsch aufgenommen. Die Exaktheit der Messung sei entscheidend für die Genauigkeit der Karten und deren Vertrauenswürdigkeit. Drohnen könnten übrigens nicht bei der Vermessung helfen: "Weil die Fluggeräte unter dem Wasserspiegel nichts erkennen. Wir wollen ja auch das Profil der Flusssohle aufnehmen."
Mit den Messdaten entsteht Mederer-Thelen zufolge ein dreidimensionales Modell der Erdoberfläche im Computer. "Und dahinein lässt man mindestens drei verschiedene Hochwassermengen laufen - virtuell: So sieht man, welche Bereiche überschwemmt werden und was zu tun wäre, um sich. zu schützen."
Mederer-Thelen weist auf die Schwierigkeiten hin, die Hochwasserabflüsse einzuschätzen. "2002 litt Sachsen in vielen Regionen ein Hochwasser was alle 100 Jahre oder seltener erwartet wird. Bereits elf Jahre später, in 2013, traten vielerorts ähnliche Mengen auf."
Kompliziert zudem, mit den richtigen Abflussmengen zu rechnen. Durch Bodenversiegelung, häufigere Starkregen sowie die abgelaufenen Hochwasserereignisse lägen die Werte gegenüber früheren Annahmen, teilweise um 30 Prozent höher. "Das hat höhere Wasserspiegel zur Folge und also größere Flächen, die überflutet werden."
Mit diesem Problem war auch die Stadt Rodewisch konfrontiert, als es um die Entscheidung ging, an der Göltzsch einen Kindergarten zu bauen, beim Rowi-Park. "Wir haben die Messungen vorgezogen und Rodewisch hat mit einer Bauänderung reagiert: Die Kita soll ja nicht im Wasser stehen." ufa