Der Bürgermeister von Althaselbrunn

In der neuen Legislaturperiode nahm Hansgünter Fleischer nur noch auf der Besuchertribüne Platz. Jahrzehntelang saß er für die CDU im Stadtrat und setzte sich für die Belange der Stadt, vor allem aber ihrer Bürger ein. Rückschau mit einem der Urgesteine Plauener Kommunalpolitik.

Von Torsten Piontkowski

Plauen - Kann gut sein, dass der eine oder andere seinen richtigen Vornamen auf Anhieb nicht parat hat. Denn Hansgünter Fleischer ist seit der Grundschule der "Fips". Wie Fips Fleischer, der Bandleader und Komponist - und auch der hieß tatsächlich Hanns-Joachim. "Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich mit dem verwandt bin und leicht genervt hab ich dann immer geantwortet, ich sei der Urgroßstiefcousin", lacht Hansgünter "Fips" Fleischer.
SED mit dem Parteibuch
der CDU ausgetrickst

Vier Jahrzehnte saß der Mann mit dem CDU-Parteibuch im Stadtrat, der in Fleischers Anfangsjahren noch "Stadtverordnetenversammlung" hieß. Wenn du die runde Zahl erreicht hast, hörst du auf, habe er sich immer gesagt - und nun ist es soweit. Doch wie kam er da überhaupt rein, zu "tiefen" DDR-Zeiten?
"Im März 1967 wurde es prekär", holt Fleischer zu einer etwas längeren Erklärung aus. Er studierte an der Humboldt-Uni Mathe und Polytechnik. Auf Lehramt, wie man heute sagen würde, also Lehrer. "Werd‘ doch Kandidat" - die Bemerkung konnte er als Katholik kaum noch hören. "Also trat ich die Flucht nach vorn an, ging zum hiesigen Pfarrer in Plauen und trat in die CDU ein - vordatiert zum Anfang des Jahres. Von da an hatte sich das erledigt mit der SED.
Nach einem Jahr am Institut für Polytechnik und weiteren zwei an einer Schule in Berlin ging er zurück in seine Heimatstadt Plauen, bekam eine AWG-Wohnung. Stand auf der Liste der "Naddel"-Front, wie Fleischer die Nationale Front spöttisch bezeichnet, um für die Stadtverordnetenversammlung zu kandidieren, die damals 140 Plauener stark war. "Die Hauptamtlichen aus dem Rathaus, das waren die Stadträte", erinnert sich Fleischer.
Der "rote Katholik"
im Rathaus

Seine erste Rede brachte ihm dann auch gleich einen gewöhnungsbedürftigen Beinamen ein. Mit dem Titel "Wie kann man als Christ kommunistisch erziehen", avancierte er fortan zum "roten Katholiken" , was ein wenig vom Fernandel als Don Camillo erinnert. "Damals gab es Kommissionen und ich arbeitete in der für Bildung und Erziehung mit". Das muss er ordentlich gemacht haben, denn ein Genosse vom Rat des Bezirkes befand über Fleischer: "Guter Mann, nur leider in der falschen Partei." Nein, ein Regimekritiker par excellence sei er nie gewesen, sagt Fleischer. "Ich habe meine Arbeit als Lehrer gemacht - mit Freude und Spaß."
Elf Jahre nach Fleischers Einzug in die Stadtverordnetenversammlung dann die Wende. Wahlen im März 1990, verbunden mit der Frage, wer den neuen Beigeordneten des OB für Bildung/Kultur/Sport "machen" könnte. Fleischer, der damals in einer geschützten Werkstatt für psychisch kranke Jugendliche und Erwachsene arbeitete, "machte". Zog als Hauptamtlicher ins Rathaus ein. "Schmutziges Wasser kann man nicht wegschütten, wenn man kein frisches hat", zitiert Fleischer den alten Adenauer und meint damit, dass man nicht alle Funktionsträger im Rathaus ad hoc entlassen konnte. Fakt aber war, dass man sie auch nicht "vorderster Front" belassen konnte. Nach und nach musste und wollte Fleischer die Reihen lichten. Wie es ihm dabei in Einzelfällen ging, lässt sich vermuten, denn der "Fips" ist keiner, der mit angewinkelten Ellenbogen durchs Leben stürmt. "Bei vielen Lehrern, die zur Aussprache gebeten wurden, bin ich als Vertrauensperson mitgegangen, und ja, so mach einer sprach dann auch eine Weile nicht mehr mit ihm. 1994 wurde er als Dezernent abberufen. Eine etwas komplizierte Geschichte. "Wenn du den nicht rausschmeißt, stolperst du über den", hatte ein Bekannter ihn in Bezug auf eine bestimmte Person gewarnt. Und so kam es dann auch.
"Einige Dinge hat man
ganz gut gemacht"

"Einige Dinge hat man in dieser Zeit ganz gut gemacht", sagt Fleischer über Fleischer. Als Kaufland auf der Brache der Baumwollstickerei in der Morgenbergstraße baute setzte er sich dafür ein, dass eine Tankstelle dazu kam. Der Kindergarten der Narva wurde ins Behördenzentrum umgesiedelt, damit Biller Platz fand, sein Möbelhaus zu errichten. Fast ist man geneigt, von Nebenkriegsschauplätzen zu sprechen, angesichts der großen Liebe Fleischers zum Theater. Seit seinem 15. Lebensjahr kennt er das ehrwürdige Haus von innen. Noch immer macht es ihn traurig, dass seine Bemühungen um eine Fusion zwischen dem Orchester des Plauener Theaters und den Hofer Symphonikern nicht fruchteten. Man hätte beide Orchester in beiden Städten spielen lassen können, sagt er auch vor dem Hintergrund, dass es in den 90ern in Sachsen mehr Berufsorchester als in ganz Frankreich gab.
"Der Fleischer will das
Theater verkaufen"

"Sofort hieß es, ‚der Fleischer will das Theater verkaufen‘, lächelt er heut noch etwas gequält, zumal er seine Idee dem damaligen Landrat von Reichenbach erklärte, der sie sofort aufnahm. Das Ergebnis ist bekannt: die Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach. Und noch etwas äußerst Bedeutsames fällt in seine Dezernentenzeit: 1992 war er Mitbegründer der e.o.plauen-Gesellschaft. Ein Gremium, das wenige Jahre später sogar den legendären Dietrich Genscher nach Plauen führte.
Doch mit seiner Abberufung als Dezernent verließ Fleischer das Rathaus nicht - er blieb zumindest ehrenamtlich als Stadtrat der CDU-Fraktion. Dort "saß" schon Hansjoachim Weiß - auch ihn kannte er ausgemeinsamen Ministrantenjahren in der Herz-Jesu-Kirche. "Damals waren wir 72 Stadträte, was auch die Arbeit in den Ausschüssen etwas erleichterte", erinnert sich Fleischer, der in seiner Fraktion nicht als "Lautsprecher", wohl aber als Anwalt der "kleinen Leute" agiert.
Meldete er sich zu Wort konnte es schon mal passieren, dass der OB nicht den "Stadtrat Fleischer" ans Mikrofon bat, sondern den "Bürgermeister von Althaselbrunn". Einfache Erklärung: Hier wohnt Fleischer, hier klingeln die Leute an seiner Haustür oder sprechen ihn auf der Straße an, wenn was im Argen liegt. Und das tut es hin und wieder, auch nachdem das größte Problem gelöst wurde. Bei schlechtem Wetter floss das Wasser ungehindert aus Richtung Morgenbergstraße nach Althaselbrunn. Fleischer "bekniete" den ZWAV-Vorsitzenden so lange, bis ein großer Sammler gebaut wurde.
Shanty-Chor
und Büttenreden

"Ja und sagte ich den Leuten eben im Sommer schon, wohin sie sich wenden können, wenn ich kein Stadtrat mehr bin", sagt der "Fips" lakonisch.
Die im Rückblick für ihn wichtigste Abstimmung? Die Theaterfusion von Plauen und Zwickau. "Da stand ich nie dahinter", macht er kein Hehl. Und klar hat Fleischer auch zu diesem Thema eine Anekdote parat. "26 Intendanten haben im Laufe der Jahre in Plauen vorgesprochen. Bei allen war ich dabei". Dieter Roth bezeichnet er noch heute als Glücksfall. "Der hat Plauen gutgetan."
Anderen ein Bein zu stellen, sich auf Kosten anderer zu profilieren, das ist nicht sein Ding, ist es nie gewesen. Deshalb fand er es auch nicht sonderlich gut, wenn er das zuweilen in der eigenen Fraktion beobachtete. Vor allem aber: "Populismus nervt mich richtig. Wichtig ist doch, dass der Stadtrat was für Plauen erreicht."
Nun also bleibt ein wenig mehr Zeit für die Hobbys. Bei den Marinekameraden singt er im Chanty-Chor - Referenz an seinen dreijährigen Dienst bei der Volksmarine. Ab und an moderiert er und gilt auch als begnadeter Büttenredner.
Seine Abschiedsreime zur für ihn letzten Stadtratssitzungen quittierten die Fraktionskollegen parteiübergreifend mit langem Applaus. Den Satz "Geht nicht, ich habe Fraktion" wird seine Frau jetzt nicht mehr hören. Eine intakte Ehe brauchst du als Sicherheit", fasst Fleischer den privaten Aspekt seiner 40 Jahre Stadtrat zusammen. Und schmnunzelt zufrieden.