Den Weltrekordler massiert

Ulrike Schmidt geht in Rente. Sie schließt ihre Praxis für Physiotherapie - nach 29 Jahren. Trotzdem bleibt sie eine Instanz in der Plauener Südvorstadt: Als Teil einer bekannten Fußballerfamilie und Frau offener Worte. Und und sie will weiter helfen - in schmerzlichen Situationen.

Plauen - Ulrike Schmidt hat massiert, eingerieben und eingerenkt, sie hat mit Fango gearbeitet, mit Strom und Ultraschall. In den vielen Jahren linderte sie wohl die Schmerzen von 16.000 Patienten. Und der bekannteste? "Gerd Bonk, Weltrekordler im Gewichtheben und Dopingopfer. Der Drei-Zentner-Mann hatte auf einer Familienfeier beklagt, dass seine Masseuse wie eine Maus über den Buckel huscht. Da hat jemand mich empfohlen: Bei der wächst anschließend kein Gras mehr."
Wie Frau Schmidt betont, ging es ihr immer um ein menschliches Verhältnis zu den Patienten: "Gespräche sind wichtig wie die Therapie. Ich mache zu 80 Prozent Physio und zu 20 Prozent Psycho."
Ulrike Schmidt stammt aus Oelsnitz, ist nach eigenen Worten ein alter Sperk und berichtet von einem sportlichen Leben: "Ich habe Handball und Volleyball gespielt, war Turnerin und Leichtathletin und schlug als Jugendliche einen Salto vom Drei-Meter-Brett."
In einem Büchlein hat sie Zeitungsartikel eingeklebt: "Ein Lob für Ulrike" heißt es 1967, als die Neunjährige bei ihrer ersten Kreisspartakiade drei Goldmedaillen holt - in Weitsprung, Dreikampf und beim Schlagballwurf. "Birgit Zapf und ich haben alles gewonnen - sie ist bis heute meine beste Freundin."
Ulrike Schmidt sammelt Titel wie Briefmarken - bei Kreismeisterschaften und Bezirkswettkämpfen. Auch wenn sie 1972 Hochsprung der DDR-Spartakiade chancenlos ist, weiß sie, wem sie die Erfolge zu verdanken hat: "Mein Trainer Ekkehard Brückner war wie ein zweiter Vater. Ich habe noch Kontakt."
Eigentlich soll Ulrike 1972 an die Sportschule nach Karl-Marx-Stadt wechseln. "Im letzten Moment wurde mir abgesagt, angeblich wegen Überfüllung. Vielleicht wollten sie mich nicht, weil ich nicht auf der politischen Linie lag." Sie ist damals bodenlos enttäuscht - und heute zufrieden, wie alles gekommen ist:
Nach der zehnten Klasse wird sie an der Fachschule Zwickau (mit Internat und Sechs-Mann-Zimmern) zur Physiotherapeutin ausgebildet. "Am ersten Tag, einem Montag, kam ich mit verschwitzten Trainingssachen direkt von einem Wettkampf."
Das Berufsleben beginnt für Ulrike Schmidt im Staatsbad Bad Brambach/Bad Elster, im Kurheim Julius-Fucik. "Da haben sie mir gleich die rote Mütze aufgesetzt: Ich wurde leitende Physiotherapeutin."
Die Berufsanfängerin lernt viel - und interessante Menschen kennen. "Zum Beispiel den 2. Solotänzer der Staatsoper Berlin, der über Schmerzen klagte, wenn er das rechte Bein hinter das linke Ohr brachte. Ich habe ihm gesagt, dass mir das auch wehtäte, wenn ich das könnte."
Ende der 1970er Jahre lernt Ulrike Schmidt ihren Mann Jürgen kennen. Wo? "Beim Tanz im Goldenen Löwen von Limbach: Es war der kalte Winter 1978/79 mit Stromsperre. Mancher hat gewitzelt: Zum Glück war es drei Tage dunkel, sonst wäre Dein Mann nicht geblieben." Mittlerweile sind beide 40 Jahre verheiratet und Tochter Stephanie ist 39.
Apropos: Ehemann Jürgen Schmidt kommt aus einer (in der Plauener Südvorstadt) berühmten Fußballer-Familie, die Spuren hinterlassen hat auf dem heutigen Concordia-Sportplatz: "Der Opa war Kassierer, Schwiegermutter hat die Dresse gewaschen und Schwiegervater die Mannschaft trainiert, in der mein Mann und sein Bruder gespielt haben."
Ehemann Jürgen ist Elektriker sucht damals Arbeit in Bad Brambach, wo seine Liebste arbeitet. "Aber daraus wurde nichts: In der Wema hat er viel mehr verdient. Also bin ich mit nach Plauen gezogen", berichtet Ulrike Schmidt, die mit Mühe eine Stelle als Physiotherapeutin gefunden habe: Als Zivilangestellte an der Offiziershochschule "Rosa Luxemburg". Als die Schule nach Suhl zieht, wechselt sie - ebenfalls als Zivi - in den Med-Punkt des Grenzregiments an der Plauener Schöpsdrehe. "Ich habe nicht viel von den politischen Verhältnissen der DDR gehalten - aber meine direkten Vorgesetzten waren feine Kerle."
Dann kommt die Wende und Ulrike Schmidt erlebt die Auflösungserscheinungen der DDR und ihrer Armee hautnah mit. "Ich habe das letzte Jahr dort so viel gearbeitet wie später in meiner Praxis pro Woche."
Die Praxis in der Fichtestraße eröffnet am 18. November 1991. Zuvor hatte die ganze Familie rangeklotzt, um die Räume herzurichten: Der Schwager ist Tischler, der Mann Elektriker, der Schwiegervater Maurer...
Seit 1. Februar ist Frau Schmidt im Ruhestand. Hätte sie nicht die 30 Jahre in ihrer Praxis vollmachen wollen? Nein, sagt sie - und dennoch sei ihr etwas mulmig vor der vor ihr liegenden Zeit. Hobbys? "Wir werden wandern, Rad fahren und Ski laufen. Und ich habe Interesse mich bei einem Verein für Sterbebegleitung einzubringen. Ich habe bereits Kontakt aufgenommen." ufa