Den Hofdamen ein Stück näher

Knapp 40 Interessenten lauschten beim Jahresauftakt des Plauener "Goethekreises" einem Vortrag der Autorin und Literaturwissenschaftlerin Dr. Annette Seemann zum Thema "Der Beruf der Hofdame".

Von Sven Gerbeth

Plauen Der "Goethekreis" hatte eingeladen und an die 40 interessierte Zuhörer kamen zur ersten Veranstaltung des Plauener Literaturvereins im Jahr 2020 in die Vogtlandbibliothek. Dort begrüßte Vorsitzende Dr. Barbara Pendorf die Besucher mit guten Wünschen für das neue Jahr, um sodann mit einer durchaus ernst gemeinten Frage zum Thema des Abends überzuleiten: "Ob wohl auch für Hofdamen der berühmt-berüchtigte Satz ‚Die Rente ist sicher‘ galt?"
Referentin Dr. Annette Seemann widmete sich anschließend in einem rund einstündigen Vortrag dem Thema "Der Beruf der Hofdame im Allgemeinen, im klassischen Weimar im Besonderen". Der Bezug zum geschichtsträchtigen Ort an der Ilm lag nahe. Dr. Seemann war direkt aus der Klassikerstadt angereist. Dort lebt die 1959 in Frankfurt am Main geborene Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin seit 2002. Und dort hat sie auch seit vielen Jahren den Vorsitz des Freundeskreises Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek inne.
Was tat eine Hofdame? "Sie hatte der Fürstin zu dienen, durfte aber selbst auch die Dienste einer Kammerjungfrau in Anspruch nehmen", umriss die Referentin das Tätigkeitsfeld. Seine Ursprünge hatte das Hofdamen-Wesen bereits im Mittelalter. Die Bräute vieler europäischer Herrscher kamen damals oft aus weit entfernt gelegenen Reichen. Um die Trennung von der vertrauten Umgebung ein wenig zu erleichtern, wurde häufig ausgehandelt, wie viele Personen, meist weiblichen Geschlechts, diese Prinzessinnen aus ihrer Heimat an den neuen Hof mitbringen durften. Im 18. Jahrhundert waren es dann vor allem Töchter adliger Familien, denen selbst keine "gute Partie" in Form einer Heirat mit einem standesgemäßen Partner vergönnt war, die hier eine an Inhalt und Bezahlung angemessene Tätigkeit finden konnten. Wichtige Voraussetzungen waren neben adliger Herkunft und höfischer Erziehung das Schreiben und Lesen, französische Sprachkenntnisse, die Freude an Tanz und Spiel und nicht zuletzt das Bewusstsein für die eigene Position in der Gesellschaft: "Nicht zu hoch, nicht zu tief."
Dabei war es wichtig, dass die Fürstinnen ihre Hofdamen selbst auswählen durften. Annette Seemann illustrierte ihre Ausführungen an verschiedenen Beispielen aus Weimar, so unter anderem an Louise von Göchhausen und Auguste von Watzdorff. Breiten Raum nahm die bekannte Charlotte von Stein ein, die bereits als 16-jährige Charlotte von Schardt in den Dienst der Herzogin Anna Amalia trat.
Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Eine Hofdame bezog in Weimar um 1760 ein Jahresgehalt von 75 Reichstalern. Zum Vergleich: Der Oberhofmeister durfte zu jener Zeit mit 275 Reichstalern, die Oberhofmeisterin in etwa mit dem hälftigen Betrag rechnen. Diese Diskriminierung der weiblichen Beschäftigten wurde damals als völlig normal hingenommen. Für Friedrich Schiller steht zur gleichen Zeit ein Einkommen von 400 Reichstalern jährlich, für Johann Wolfgang von Goethe als erstem Beamten in Staat ein solches von 1.800 Reichstalern zu Buche. Nach dem Tode der Fürstin erhielten die Hofdamen meiste eine Pension auf Lebenszeit. "Aber sie verloren ziemlich unmittelbar alle Privilegien wie freie Wohnung und freie Verpflegung im Schloss", so die Referentin.
Am Ende gab es eine Vorschau auf die nächsten Veranstaltungen des "Goethekreises". Am 10. Februar wird Professor Dr. Rüdiger Bernhardt aus Bergen über "Goethe und Gerhart Hauptmann" sprechen. Am 9. März geht es (ausnahmsweise im Festsaal des Vogtlandmuseums) um "Zehn gute Gründe, auch heute noch Goethe zu lesen". "Goethe und die Dioskuren Wilhelm und Alexander von Humboldt" stehen am 11. Mai im Mittelpunkt. Höhepunkt im ersten Halbjahr ist eine Exkursion zu den Dornburger Schlössern" am 16. Mai.