Dem Volk aufs Maul schauen

Kritik aus den eigenen Reihen ist ihr nicht fremd. Für ihren Intellekt wird sie von Freund und Feind geschätzt oder gefürchtet. Das betrifft ihr Auftreten bei Veranstaltungen wie dieser Tage in Zwickau oder auch in Talk-Shows. Sahra Wagenknecht polarisiert. Und das tut auch ihr neues Buch "Die Selbstgerechten - mein Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt."

Zwickau Martin Luther hätte an der atheistischen Wagenknecht seine Freude, denn: Sie schaut dem Volk aufs Maul. Aber sie redet ihm nicht nach dem Munde. Und auch den eigenen Parteigenossen nicht. Mit ihrem neuen Buch scheint sie die Gräben zwischen traditionellen Linken und den von ihr als Lifestyle-Linken Bezeichneten weiter aufgerissen zu haben. Was kürzlich im Antrag einiger Parteimitglieder gipfelte, sie auszuschließen.

 

Sie rechnen in großen Teilen mit den Linksliberalen in der Partei ab, die Ihrer Analyse zufolge die Seite gewechselt haben und "auf der Seite der Gewinner der sozialen Veränderungen der letzten Jahrzehnte" steht. Geben diese Linksliberalen in der Partei inzwischen den Ton an?
Nein, im Gegensatz etwa zu den Grünen ist dies bei uns nicht der Fall. Allerdings beobachte ich eine gefährliche Entwicklung auch bei uns oder bei der SPD: In ärmeren Stadtvierteln oder auf dem Land schwindet unsere soziale Verankerung. Wer nicht akademisch gebildet ist, findet schwer den Weg zu uns und wird durch gewisse Debatten auch abgeschreckt. Gleiches gilt für Geringverdiener, für Erwerbslose, für Rentnerinnen und Rentner, aber auch für Menschen, die mitten im Berufsleben stehen und Kinder großziehen. Wir sollten nicht den Fehler machen, unsere Ansprache und unsere Politik auf ein junges, studentisches und großstädtisches Milieu auszurichten.
Es fällt auch der Begriff Livestyle-Linke, bei denen Fragen des Lebensstils, des Konsums und bestimmter moralischer Verhaltensweisen im Mittelpunkt stehen. Dürfen wir Älteren diesen von Ihnen geprägten Begriff auch als Salon-Bolschewisten übersetzen?
Das kommt darauf an, was Sie darunter verstehen. Ich habe nichts gegen Intellektuelle, gegen Schriftsteller und andere Kulturschaffende, die sich für linke Ideen begeistern - im Gegenteil, diese Menschen sollten wir für uns gewinnen. Problematisch finde ich, wenn akademisch gebildete Menschen mit einer gewissen Arroganz und Herablassung auf jene blicken, die sich einen gewissen Lebensstil nicht leisten und von guten Bildungschancen für sich und ihre Kinder nur träumen können.
Befürchten Sie, dass der Leser auch die Autorin unter diesen Aspekten in die Pflicht nimmt (Bildungsniveau, Einkommen etc.) nach dem Motto... "wer im Glashaus sitzt...?"
Dieses Missverständnis gibt es manchmal, aber ich kann nur wiederholen: Ich werfe niemandem vor, studiert zu haben oder gut zu verdienen. Die Probleme fangen an, wenn die eigene, relativ privilegierte Position zu einer Tugend verklärt wird, man sich also moralisch überlegen fühlt, weil man Bio-Lebensmittel und Holzmöbel kauft und lieber eine individuelle Kulturreise unternimmt statt mit dem Billigflieger nach Mallorca zu fliegen.
Welche Passagen in Ihrem Buch kreidet man Ihnen am meisten an?
Meine Abrechnung mit "skurrilen Minderheiten, die ihre Identität jeweils in irgendeiner Marotte finden" wurde von vielen missverstanden. Dabei ist doch klar, dass ich damit keine Menschen gemeint haben kann, die eine andere Hautfarbe, Herkunft oder sexuelle Orientierung haben, denn diese wird ja nicht frei gewählt. Mir ging es hier um Debatten, die skurrile Blüten treiben - etwa wenn darüber diskutiert wird, ob es nun zehn, zwanzig oder sechzig Geschlechter gibt. Mir ist völlig egal, welche sexuelle Identität jemand hat und niemand darf deshalb diskriminiert werden. Ich finde es allerdings unmöglich, wenn Leute dafür angefeindet werden, dass sie keine angeblich "geschlechtergerechte" Sprache sprechen oder Kürzel wie LGBTIQ* nicht verstehen und auch nicht verwenden möchten.
Gleich zu Beginn prognostizieren Sie unter der Verwendung des Begriffs "Culture Cancel", Sie könnten das nächste Opfer werden. Inwiefern hat sich diese Befürchtung bewahrheitet?
Natürlich habe ich mit Kritik gerechnet. Es ist ja mein Ziel, mit dem Buch eine kontroverse Debatte anzustoßen. Aber als Opfer empfinde ich mich nicht. Ich wurde zur Spitzenkandidatin in Nordrhein-Westfalen gewählt und viele schreiben mir, dass sie mein Buch mit Gewinn gelesen haben. Aber sicher: Die Parteiausschlussverfahren, die gegen mich angestrengt werden, bestätigen meine These, dass es eine "Cancel Culture" auch bei uns gibt. Es sind aber nur Wenige, die mich gern "canceln" würden - diese Wenigen sind allerdings sehr laut und erzeugen viel Aufmerksamkeit. Die meisten Mitglieder und Wähler schütteln über das Ganze nur den Kopf.
Hätte ein CDU-Politiker mit einem solchen Buch in seiner Partei ähnliche Reaktionen hervorgerufen wie Sie bei Ihrer Partei?
Natürlich nicht. Als CDU-Mitglied hätte ich ein solches Buch auch nie geschrieben, sondern eines über rechte Identitätspolitik à la Trump und rechte Cancel Culture. Die gibt es ja auch und sie ist mordsgefährlich - im wahrsten Sinne des Wortes.
Sie beschäftigen sich mit dem Begriff "linkskonservativ". Würden Sie sich selbst so bezeichnen?
Gustav Heinemann, unser Bundespräsident von 1969 bis 1974, hat einmal gesagt: "Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte." Dem kann ich voll zustimmen, wobei das Gegenteil auch gilt: Wer alles auf den Kopf stellen will, wird am Ende gar nichts verändern, weil die Menschen im Kapitalismus auch eine große Sehnsucht nach Sicherheit, nach beständigen Beziehungen und einem vertrauten Umfeld haben und durch allzu radikale oder realitätsfremde Forderungen schnell abgeschreckt werden. Ich denke, dass auch und gerade Linke dieses Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität ernst nehmen müssen - in diesem Sinne kann man mich gern als "linkskonservativ" bezeichnen.
Sie ziehen in Ihrem Buch nahezu keine Ost-West-Vergleiche, was ich beim Lesen als sehr wohltuend empfand. Und in der Tat scheinen die Probleme der Bitterfelder und Gelsenkirchener sehr ähnlich zu sein...
Die Ostdeutschen haben eine andere Geschichte, aber die aktuellen Probleme und auch die Art und Weise, wie Menschen darauf reagieren, sind in der Tat sehr ähnlich. Deindustrialisierung, Arbeitslosigkeit, Abwanderung der jungen Generation, Verfall der Infrastruktur - mit solchen Abstiegserfahrungen schaut man anders auf die Gesellschaft und die Politik und empfindet gewisse Diskussionen, die in großstädtischen Milieus geführt werden, meist als abgehoben oder gar zynisch.
Zwickau ist für Sie kein unbekanntes Terrain. Was schätzen Sie an Sabine Zimmermann, die für die Linken Westsachsens im Bundestag agiert?
Sabine ist eine sehr couragierte Frau mit viel Verstand, Erfahrung und großem Einfühlungsvermögen. Sie hat es unzählige Male geschafft, mit ihren Anfragen zu Arbeitsbedingungen, Löhnen, Erwerbslosigkeit u.ä. auch überregional Aufmerksamkeit zu erzielen und damit drängende soziale Fragen auf die Tagesordnung zu setzen. Ich schätze sie sehr und hoffe, dass ich auch nach der Wahl weiterhin mit ihr im Bundestag zusammenarbeiten kann. Da sie auf keinem Listenplatz abgesichert ist, kann sie nur mit der Erststimme gewählt werden. Ich wünsche mir sehr, dass die Menschen in Zwickau ihre Klugheit und Bodenständigkeit sowie ihren hartnäckigen Einsatz für soziale Gerechtigkeit zu schätzen wissen und ihr die Erststimme geben, damit sie das Direktmandat erringt. Torsten Piontkowski
Das Buch
"Die Selbstgerechten - mein Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt"
Verlag Campus, 2021
ISBN 978-3-593-51390-4 (Print), 345 Seiten, 24,95 Euro