Dem Steinmetz blutet das Herz

Die steinernen Erinnerungen an Carl Wilhelm Koch verschwinden in Oelsnitz. Noch vor dem Abriss der von ihm 1880 gegründeten Halbmond-Teppichfabrik wurde sein Grabmal auf dem Friedhof demontiert - mit weiteren repräsentativen Gruftanlagen.

Von Renate Wöllner

Oelsnitz -  Wie gemacht für die Ewigkeit wirkte der wuchtige Grabaufbau mit dem klassizistischem Giebel-Dreieck und der Aufschrift C. W. Koch über der Gruft des Halbmond-Gründers und seiner Frau Adele. Schwarz-schwedischer Granit heißt der Stein landläufig, ist aber Diabas. Inmitten der aufwändigen Grabanlagen, die hier in eindrucksvoller Reihung seit 1891 entlang der Friedhofsmauer für eine begüterte Schicht aus Wirtschaft und Gesellschaft entstanden waren, signalisierte die Koch-Gruft Größe und Bedeutung. Damit ist es nun vorbei. Seit 2005 ließ die Evangelisch-Lutherische Jakobi-Kirchgemeinde die reparaturbedürftige, teilweise einsturzgefährdete Friedhofsmauer rekonstruieren. Nach dem ersten Teil folgte 2018 der zweite Mauer-Abschnitt im hinteren Bereich. Für die Bauarbeiten mussten die Gruftanlagen weichen. 
Die Rechtsnachfolger der Bestatteten - soweit noch vorhanden und zumeist in alle Welt zerstreut - seien schriftlich angefragt worden, wie sie zur Erhaltung der Familiengrüfte stehen, berichtet Christoph Apitz, Vorsitzender des Kirchenvorstands der Evangelisch-Lutherischen Jakobi-Gemeinde beim Ortstermin auf dem Friedhof. Doch für das Bekenntnis zum Wiederaufbau habe teils das Interesse, teils die Finanzkraft oder beides gefehlt, so auch bei den Nachfahren von C.W. Koch, der zu Lebzeiten ein Millionenvermögen besessen haben soll. Für diese Grüfte erlosch der Nutzungsanspruch, die Grabsteine wurden gelagert. Nur das Grabmal der Familie Beuttler ließ ein Oelsnitzer neu errichten. Erhalten geblieben in diesem Abschnitt sind auch die Grüfte mit ihren wuchtigen Steinaufbauten der Linien Emil und Leonhardt Koch (Sohn und Nachfolger des Firmengründers). "Vor dem Abbau durch die Baufirma sind alle Gruftanlagen fotografisch dokumentiert worden", versichert Apitz. 
Aus Sicht des Landesamtes für Denkmalschutz habe keine Notwendigkeit bestanden, sie zu bewahren. Friedhöfe seien Zeitgeschichte und Wandel der Bestattungskultur unterworfen. Der Stadtverwaltung habe man angeboten, die Gruft von C.W. Koch zu erhalten - angesichts dessen Bedeutung für die Stadtentwicklung. Fünf Jahre nach dem Tod des Firmengründers am 4. Januar 1925 standen in der Teppichfabrik 2500 Leute in Lohn und Brot, fast die Hälfte der Erwachsenen in Oelsnitz. Die Stadt zählte zu dieser Zeit 18 000 Einwohner. 
Doch auch das Rathaus habe abgewinkt mit Hinweis auf die Haltung des Denkmalschutzes und die Kosten in fünfstelliger Höhe. Die Anfrage unserer Zeitung von Mittwoch für eine Stellungnahme von OB Mario Horn blieb bislang ohne Antwort. 
Der Steinmetzbetrieb Ballmann erneuere jetzt noch die Abdeckung der Friedhofsmauer, welche dann vollständig saniert sei. Rund 152 000 Euro bringt die Kirchgemeinde für den zweiten Bauabschnitt aus ihrem Haushalt auf. "Eine solche Aktion können wir uns nicht gleich wieder leisten", meinte Thomas Schneider, der Vorsitzende des Friedhofausschusses. Entstanden sind anstelle von Grüften zwei verfüllte Gemeinschaftsanlagen für Urnengräber analog der Anlage für das Marienstift im ersten Mauerabschnitt, gibt Friedhofsmeister Mirko Petzold Auskunft. Zwei der Gruftfelder wurden 2018 an private Interessenten vergeben, für einige sei das Nutzungsrecht noch zum symbolischen Preis von einem Euro zu haben. Neu errichtete Gruftanlagen müssen jetzt selbstständig stehen und dürfen sich nicht mehr an die Friedhofsmauer anlehnen. 
Das Grabmal von C.W. Koch ruht in einzelne Teile zerlegt sind auf den Lagerplatz des Friedhofes. Könnte es vielleicht bei besserer finanzieller Lage wieder aufgestellt werden? Die Kirchenvertreter schließen das nicht aus. Doch nach Informationen unserer Zeitung erlitt das Grabmal beim Abbau Beschädigungen im Stein, die einen Wiederaufbau auch von dieser Seite fraglich erscheinen lassen. 

Infokasten: Gruft oder Grab?

Was unterscheidet eine Gruft von einem Grab? Bei den Grüften steht der Sarg - meist aus Zink oder Eichenholz - luftumspült im ausgemauerten Hohlraum. Bei einem Nutzerwechsel prüft der Friedhofsmeister den Inhalt der Zinksärge. Noch vorhandene Gebeine können dann im Erdreich der Gruft bestattet werden. Eichensärgen gehen nach geraumer Zeit in die Umgebung über.     R. W.