Delitsch-Schüler nannten ihn "zweiten Vater"

Vor 100 Jahren, am 24. April 1920, verlor die Stadt Plauen einen ihrer verdienstvollsten Pädagogen. Johannes Delitsch erlitt an diesem Tag bei einer Wanderung durch das Triebtal einen Schlaganfall, an dem er wenige Stunden später verstarb.

Plauen Sein plötzlicher Tod wurde nicht nur von vielen Plauenern betrauert, sondern auch von seinen Kollegen in Sachsen und in ganz Deutschland, mit denen er in sozialpädagogischen Diskussionen in Verbindung stand, die ihn als Ratgeber schätzten, obwohl er sich selbst immer noch als Suchender sah, wie man geistig schwachen und sozial gefährdeten Kindern wirksam helfen kann.
Der Wahlplauener Johannes Delitsch war am 5. Dezember 1858 in Leipzig geboren worden. Sein Vater, ein studierter Theologe, dem eine Anstellung als Pfarrer infolge Überangebots verwehrt blieb, wandte sich der Geographie zu, die er als außerordentlicher Professor an der Universität der Messestadt lehrte. Delitschs Mutter zählte einst zu den Lieblingsschülerinnen Friedrich Fröbels.
Der frischen Luft wegen
Umzug ins Vogtland

Von diesem Elternhaus geprägt, wurden Nächstenliebe und stete Hilfsbereitschaft gegenüber sozial benachteiligten Menschen zu Lebensmaximen des Sohnes, der aus gesundheitlichen Gründen 1873 der frischen Luft wegen ins Vogtland zog. Der 14-jährige Jugendliche bezog das Plauener Lehrerseminar, das er 1878 erfolgreich absolvierte, und nach einer zwischenzeitlichen Tätigkeit als Hauslehrer erhielt er eine feste Anstellung als Volksschullehrer.
An der (späteren) Schillerschule nahe der Pauluskirche nahm er sich vor allem der geistig schwachen Schüler an, einem bis dahin erst wenig erforschtem Gebiet. Schritt für Schritt drang er in die noch weitgehend unbekannte Materie ein, so dass sich anfangs Erfolg und Irrtum die Waage hielten. Doch Delitsch ließ sich nicht entmutigen, er suchte den Gedankenaustausch mit Kollegen in Plauen und weit darüber hinaus.
Vorsitzender des Vereins
der Hilfsschullehrer

Bald veröffentlichte er erste Artikel in Fachzeitschriften zur Hilfsschulpädagogik, die zunehmend Anerkennung fanden. 1904 war er maßgeblich an der Gründung des "Sächsischen Hilfsschullehrervereins" beteiligt, dessen Vorsitzender er wurde. Inzwischen waren in Plauen seit 1902 alle Förderschüler der Stadt in der (späteren) Schillerschule zusammengefasst worden, und ab 1906 wurden sie in der eigenständigen Hilfsschule im ehemaligen "Vogtländischen Kreisschulhaus" am Schulberg 4 unterrichtet, die Johannes Delitsch als Direktor leitete.
Doch mit dem über 100 Jahre alten Gebäude unweit der Johanniskirche gab er sich nicht zufrieden, da seine Räume der Sonne abgewandt und darum duster blieben, während er gerade für sein Schülerklientel helle und freundliche Zimmer für dringend notwendig erachtete. Zu Recht fürchtete er auch, dass die mangelhafte Eignung des Gebäudes als Hilfsschule die noch stark vorhandenen Vorurteile mancher Bürger gegenüber ihren Schülern verstärken könnte. Mit Nachdruck setzte deshalb Delitsch gegenüber der Stadtverwaltung den Umzug seiner Schule in das 1911 frei gewordene Gebäude des Gymnasiums in der Seminarstraße 13 - 17 durch, das mit seinen größeren und lichten Klassenräumen nicht nur die Lernhaltung der Schüler förderte, sondern auch verschiedene pädagogische Neuerungen ermöglichte wie orthopädisches Turnen, die Ausgabe von Milch für kränkliche Kinder, die Verpflichtung eines Schularztes und die Durchführung spezieller Heilkurse für sprachgestörte Schüler.
Viele dieser Maßnahmen fanden nach und nach nicht nur in anderen Plauener Volksschulen Nachahmung, sondern auch in Hilfsschulen anderer Städte weit über Sachsens Grenzen hinaus.
Neben seiner Tätigkeit als Hilfsschuldirektor setzte sich Delitsch für den Schutz der Kinder und Jugendlichen ein, vor allem die Fürsorge für gefährdete Kinder aus sozial schwierigen Familien. Im Januar 1908 gründete er in Plauen den "Verein Jugendfürsorge", der sich um Erziehungsberatung der Eltern, Vermittlung von Pflegeeltern und Arbeitsstellen für gefährdete Jugendliche kümmerte, um sie vor dem sozialen Absturz zu bewahren.
Wie dringend notwendig das in der jungen Großstadt Plauen war, bewies die Tatsache, dass der Verein im ersten Jahrzehnt seines Bestehens mehr als 7300 Klienten zählte, die um Hilfe nachsuchten.
Medizinische
Aufklärung der Eltern

Gleichzeitig setzte sich Delitsch für ein besseres Jugendstrafrecht ein, indem nicht allein die Straftat, sondern auch das Umfeld ihres Entstehens betrachtet werden müsse. Eine dritte Aktivität im Bereich der Jugendfürsorge war die medizinische Aufklärung der Eltern. So verfasste Delitsch 1908 mit dem Plauener Kinderarzt Dr. Frucht und dem allseits bekannten Maler Hermann Vogel ein populäres Aufklärungsblatt über die damals weit verbreitete Rachitis, das in 600.000 Exemplaren an werdende Mütter in weiten Teilen Deutschlands und des Habsburger Reiches verteilt wurde.
Mit dem Bau eines Heimes für sittlich gefährdete Kinder und Jugendliche in Reusa krönte Delitsch seine sozialpädagogische Lebensleistung. Die Stadt stellte dafür das Baugrundstück und das Startkapital zur Verfügung, die weit größere Bausumme von rund 70.000 Mark musste der Verein selbst aufbringen. Unter Delitschs Leitung organisierten die Mitglieder eine große Spendenaktion in Plauen und Umgebung, die mit dem "Margaretentag" am 25. März 1911 ihren Höhepunkt fand. Nahezu alle Geschäfte und Gaststätten beteiligten sich an diesem verkaufsoffenen Sonntag und stellten einen Teil ihrer Tageseinkünfte für das geplante Heim zur Verfügung.
In Plauen erinnert
nichts an den Pädagogen

Das erhoffte Geld kam zusammen, und binnen weniger Monate wurde das Gebäude errichtet, das nach dem verdienstvollen Plauener Volksschullehrer Friedrich Krause benannt und von Johannes Delitsch geleitet wurde. Am 20. Oktober 1911 fand die feierliche Eröffnung statt und innerhalb kurzer Zeit waren alle 35 Heimplätze belegt. Bis zum zehnjährigen Jubiläum (1921) hatten 157 Kinder das Heim nach längerem Aufenthalt gefestigt verlassen.
Es spricht für die Lebensleistung Johannes Delitschs, dass alle seine sozialpädagogischen Projekte in Plauen nach seinem Tod nahtlos weitergeführt wurden. Dasselbe gilt für die Tatsache, dass ihn viele seiner Zöglinge als ihren "zweiten Vater" bezeichneten. Die Stadt Plauen ehrte ihn 1920, indem sie der Hilfsschule seinen Namen gab. Heute - 100 Jahre nach seinem Tod - ist es unbegreiflich, dass in der Stadt nichts mehr an diesen verdienstvollen Pädagogen erinnert, keine Schule, keine Straße, keine Gedenktafel.