Debatte um Wandbild aus DDR-Zeiten

Schulleiterin Brigitte Schmutzler versteht die Welt nicht mehr

 

Ein überdimensionales Mosaikbild aus der DDR an einer Wand in der Grundschule Reusa in Plauen sorgt derzeit für jede Menge Gesprächstoff. Es zeigt unter anderem Hammer und Sichel sowie Jungpioniere. Der Vogtland-Anzeiger hat Politiker, Künstler und Lehrer dazu befragt. Plauen - Den (Mosaik)-Stein quasi ins Rollen brachte eine Anfrage von CDU-Stadtrat Prof. Dr. Lutz Kowalzick an die Stadtverwaltung, von der er unter anderen wissen wollte, wie hoch die Restaurationskosten für das Wandmosaik waren und wer diese Maßnahme veranlasst habe. Vor allem aber interessierte ihn, ob OB und Stadtverwaltung "der Auffassung (seien), dass es dem Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung hin dienlich ist, Symbole totalitärer Organisationen und Staaten unkommentiert zu Schau zu stellen." Die Antwort fiel denkbar knapp aus: Eine Restaurierung habe nicht stattgefunden, das Bild sei während der Rekonstruktion der Schule lediglich abgedeckt worden. Und: Die Lehrer seien durchaus in der Lage, das Bild den Schülern im Unterricht zu erklären. In der Tat ist Prof. Kowalzick mit der Antwort nicht zufrieden. Die Stadtverwaltung ziehe sich aus ihrer politischen Verantwortung zurück. Immerhin befinde sich das Gebäude in Zuständigkeit der Kommune. Ob er mit seiner Anfrage provozieren wollte, sich nun gar den Vorwurf eines Bilderstürmers gefallen lassen muss? "In erster Linie wollte ich Denkanstöße vermitteln. Zu keinem Zeitpunkt habe ich die Entfernung oder gar die Zerstörung des Bildes gefordert", erklärt Prof. Kowalzick. Er wisse auch nicht, ob im Unterricht eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Relief stattfinde und wie die aussehen könne. "Wenn die Schulleiterin aber sagt, seit 1976 habe niemand Anstoß an dem Bild genommen, dann ist das nicht unbedingt ein Hinweis darauf, dass eine inhaltliche Auseinandersetzung stattfindet." Was ihn störe, fügt Kowalzick an, sei die unkommentierte Zurschaustellung des Bildes. Er wünsche sich wenigstens Hinweistafeln, die auf die Entstehungsgeschichte hinweisen, Auskunft geben über die Schattenseiten der DDR. Überdies halte er es für problematisch, ein derartiges Relief in einer Grundschule zu platzieren. "Da wäre es mir hinsichtlich eines Dialogs fast lieber, es hinge beipielsweise in einer Mittelschule oder Gymnasium." Aber generell sei eine Schule kein zeitgeschichtliches Museum. Der Bildhauer und frühere Oberbürgermeister von Plauen, Dr. Rolf Magerkord, sieht das Wandbild nicht als "großes Kunstwerk an". Es sei eine sehr plakative Darstellung des Bildungsprogrammes der damaligen SED-Regierung. "Eine andere Art der Propaganda." Trotzdem sollte es in der Schule erhalten bleiben, meint Magerkord. "Aber mit einem erläuternden Text, zum Verstehen, dass auch klar gestellt wird, weshalb und warum es entstanden ist." Das Stadtoberhaupt von 1990 bis 2000 sieht das Mosaik eher als Chance für die Lehrer und den Unterricht. "Die Lehrer selber sollen sich einmal darüber klar werden." Die heutigen Möglichkeiten hätte es damals nicht gegeben, dies sollten die Lehrer nutzen, so Magerkord. Ähnlich sieht das auch die Lehrerin und Kommunalpolitikerin Claudia Hänsel (Linke). "Das kann man nutzen. Es gehört ja zur Geschichte." Die Deutsch- und Englischlehrerin findet die aktuelle Debatte um das Wandbild "überflüssig". "Ich verstehe gar nicht die Diskussion. Man sollte es hängen lassen. Ich weiß nicht, welche Rolle das Bild dort spielt. Der Hausherr sollte darüber entscheiden." Hänsel vergleicht die Entwicklung mit einem Wandbild aus DDR-Zeiten an der Karl Marx Grundschule. Mit der Schulsanierung verschwand auch der Zeitzeuge. Damals hätten sich viele darüber aufgeregt, dass das Bild wegkommt. "In Reusa ist das Mosaik da gelassen worden und auch wieder wird sich aufgeregt", so Hänsel. Schulleiterin Brigitte Schmutzler versteht die Welt nicht mehr. Das Thema nervt sie sehr, weil es von wichtigen Dingen ablenkt, sagt sie auf Anfrage. Derzeit sitzt sie mit Kollegen an der Schulplanung für das nächste Jahr. Seitdem sie an der Schule sei, habe sich niemand an dem Bild gestört, heißt es. Dieser Auffassung kann der Kunstmaler Manfred Feiler überhaupt nichts abgewinnen. "Ich bin 40 Jahre diffamiert worden und aus dieser Gesellschaft ausgegliedert, weil ich eben keine Auftragswerke ausgeführt habe", sagt er am Telefon. Dieses Machwerk als Kunst zu bezeichnen könne er nicht verstehen. Bei Rentschs Mosaik handele es sich um Propaganda, "da wurden Kleinkinder politisch erzogen." Niemand dieser Künstler habe sich je bei ihm entschuldigt, fügt er an. "Bei dem Bild handelt es sich um Zeitgeschichte. Ausrufezeichen. Ob es Kunstgeschichte ist, dahinter steht ein Fragezeichen", sagt der Künstler Dietrich Kelterer. Natürlich sei Auftragskunst Propaganda für ein bestimmtes System. "Ich kenne beide Künstler sehr gut, sie haben sich diesen Bedingungen gebeugt, sonst hätten sie Kohlen schaufeln müssen", sieht Kelterer den pragmatischen Aspekt. Der Fehler bestehe darin, dass die politisch Verantwortlichen, also auch der Stadtrat, vor der Restaurierung darüber hätten debattieren müssen. Eine einfache Lösung sieht er nicht. Zum Verschenken werde sich keiner finden, zum Verkaufen sowieso nicht. Es in ein Museum zu schaffen käme vermutlich zu teuer. Es mit Hinweistafeln zu kommentieren hält er aber auch für den falschen Weg. "Die Kiddis sind doch nicht auf einem Lehrpfad. Andererseits haben sie das Recht auf ideologiefreie Räume." Zerstört wissen will er das Relief aber auch nicht. Bezahlt habe das Bild ja wohl einst der Rat des Bezirkes, dessen demokratischer Nachfolger die Landesbehörden seien. Aber die werden sich auch nicht drum kümmern, sagt Kelterer voraus. "Auf alle Fälle sind mir neutrale Wände lieber", ergänzt er. Hintergrund