DDR-Medikamententests für Westfirmen - auch in Plauen

Versuchslabor Ost? In der DDR wurden massenhaft neue West- Arzneien an DDR-Patienten getestet. Die Aufträge halfen der klammen Staatskasse. Wissenschaftler haben das Kapitel aufgearbeitet.

Berlin/Plauen - Westliche Pharmahersteller ließen in der DDR in den 80er Jahren Medikamente in großem Stil testen - 320 solcher Studien sind nun nachgewiesen. Insgesamt habe es Hinweise auf bis zu 900 klinische Tests zwischen 1961 bis 1990 gegeben, heißt es im Abschlussbericht eines Forschungsprojekts unter Leitung des Berliner Medizinhistorikers Volker Hess, der am Dienstag vorgestellt wurde. Die überschuldete DDR habe ihr Gesundheitssystem zur Verfügung gestellt, um begehrte Devisen zu erwirtschaften.

Aufträge kamen demnach vor allem aus Westdeutschland, aber auch aus der Schweiz, Frankreich, den USA und Großbritannien. Gefunden wurden Aufträge von 75 Unternehmen aus 16 Ländern. Auch in der Nervenklinik und der Medizinischen Klinik am Plauener Bezirkskrankenhaus wurde zwischen 1982 und 1990 an zwei Patienten getestet. Zum einen Erythropoetin, ein Hormon zur Bildung roter Blutkörperchen, das zur Behandlung von Blutarmut eingesetzt wurde und später als EPO bei zahlreichen Dopingfällen im Profisport bekannt wurde. Aber auch das nie zugelassene Antidepressiva Brofaromin des Schweizer Pharmakonzern Sandoz.

Systematische Verstöße gegen damals geltende Regeln seien bei den Tests nicht festgestellt worden, konstatiert der Bericht. Die Standards hätten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs nicht heutigen Regeln entsprochen. Ob DDR-Patienten stets informiert wurden, habe sich nicht vollständig klären lassen. Es müsse aber davon ausgegangen werden, dass in Einzelfällen Betroffene nicht aufgeklärt wurden. Die Verfasser der Studie widersprechen Spekulationen, wonach die Studien in der DDR billig zu haben waren.

Der entscheidende Vorteil für Westfirmen sei nicht das geringere Honorar gewesen, sondern der Zeit- und Effizienzgewinn. Das diktatorische DDR-Regime habe für eine zügige Durchführung der Studien gesorgt und öffentliche Kritik ausgeschaltet. Jedoch hätten westliche Pharmafirmen auch die schlechtere Versorgung mit Medikamenten im Osten ausgenutzt.

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) habe ein großes Interesse an den klinischen Studien gehabt und sie intensiv beobachtet, heißt es. Professor Hess vom Institut für Geschichte der Medizin und Ethik der Berliner Charité hat mit seinem Team Stasi- und Patientenakten sowie Berichte von Arzneimittelherstellern gelesen, Archive durchforstet und Zeitzeugen befragt. Die Studie gilt als die erste umfassende Veröffentlichung zur klinischen Auftragsforschung westlicher Firmen in der DDR. va