Dass die Sterne etwas heller leuchten...

Der Status eines Geheimtipps trifft auf ihn längst nicht mehr zu. Fast könnte man meinen "leider". Denn die Konzerte von Björn Casapietra sind lange vorher ausgebucht. Am 24. Oktober ist er in der Klingenthaler Rundkirche zu erleben. Wie der Künstler sich und sein Publikum durch Corona brachte, erzählt er im Gespräch mit Torsten Piontkowski.

Der Titel Ihrer Tournee "Himmelslieder" klingt schlicht, aber die Herzen berührend. Wie kamen Sie auf diese Bezeichnung?
Mir war wichtig, dass die Menschen nicht nur geistliche Lieder erwarten. Die sind natürlich auch dabei. Schuberts "Ave Maria", Händels "Ombra Mai Fu", "Tochter Zion" und so weiter. Aber ich wollte eben auch weltliche Lieder drin haben die ich als Gebete bezeichne. In denen Menschen gerade eine nicht ganz so leichte Zeit durchmachen und sich in dieser Zeit an den Himmel wenden. Das sind die viel berührenderen Lieder.

Sie möchten Hoffnung und Zuversicht unter die Menschen bringen in unruhigen Zeiten. Davon kann man momentan wahrlich sprechen. Fürchten Sie, dass Sie diese besonderen Hoffnungen nicht erfüllen können oder anders gefragt, dass sie auf "taubere Ohren" stoßen als bisher?
Wissen Sie, im Moment herrscht mir zu viel Angst. Erst hatten wir Angst vor einem tödlichen Virus. Zurecht. 100.000 Deutsche sind durch Covid19 gestorben. Dann hatten wir Angst vor der Impfung, vor Nebenwirkungen, davor, unseren Job zu verlieren, Angst um das kleine Geschäft. Musik hat jetzt den Auftrag zu heilen. Und was wäre dafür besser geeignet, als Himmelslieder. Ich möchte nicht nur für die Ohren der Menschen singen, ich möchte tiefer rein. In die Seele.

Sie präsentieren unter anderem vertonte Gebete. Worin besteht die musikalische Herausforderung?
Ich merke, dass mir die Lieder unseres Programms wahnsinnig liegen. Stichwort "Ave Maria" von Franz Schubert, Stichwort "You raise me up", Stichwort "Hallelujah" von Leonard Cohen. Das sind Lieder, die sind für meine Stimme gemacht. Ich habe mich noch nie so wohl bei einem Programm gefühlt wie bei den Himmelsliedern.

Sind Sie selbst ein gläubiger Mensch und wie äußert sich dies im Alltag?
Ich bin hin und hergerissen. Meine Mutter war Italienerin und sehr katholisch. Mein Vater war so ein typisch ostdeutscher Kirchenkritiker. Er hat kein gutes Haar an der Kirche gelassen. Und dementsprechend bin ich immer wieder hin und hergerissen zwischen diesen beiden Polen. Am Ende einige ich mich immer auf Jesus Christus und seine Bergpredigt. Denn die war tatsächlich das großartigste Plädoyer für Frieden, Empathie, Mitmenschlichkeit, das man sich vorstellen kann.

Die Rezensenten schwelgen von Ihrem Können in den höchsten Tönen. Mal ehrlich, hebt man da mit der Zeitauch ein wenig ab? Beziehungsweise, wie erden Sie sich, von wem werden Sie geerdet?
Eins können Sie mir glauben, von guten Kritiken kann man nie genug bekommen (lacht). Ich glaube nicht, dass ich abhebe. Übrigens, seit wir seit Anfang August wieder unterwegs sind spielen wir fast ausschließlich in ziemlich kleinen Orten. Und genau das ist mir wichtig. Denn es gibt nichts Schöneres als in einer kleinen Dorfkirche, die bis unters Dach gefüllt ist mit den Menschen und für die Menschen zu singen. Die schönsten Erlebnisse meiner Karriere, die schönsten Konzerte hatte ich nicht in Berlin, in Hamburg oder in Dortmund. Die schönsten Konzerte, das waren immer kleine Orte.

Wie verlief Ihr musikalischer Werdegang?
Mein Papa war ein berühmter Dirigent in der DDR. Herbert Kegel, Chef der Dresdner Philharmonie. Und ich habe mit ihm am Klavier als kleiner Bub jedes Jahr Weihnachtslieder eingeübt und dann wurden alle Nachbarn eingeladen und ich habe in den höchsten Tönen gesungen. Es war mein Papa, der mich zum Gesang und zur Musik gebracht hat. Tja, und dann hab ich das ein paar Jahre vergessen und mich mehr um die Mädels gekümmert und dann kam irgendwann mein erstes Album raus und ging gleich auf Platz 1 der Klassik Charts. Das war im Jahr 2000.

Was hat Corona mit Ihnen selbst "gemacht"?
Nun, ich habe eine Tochter und die ging in die sechste Klasse. Ich habe mich sehr drauf konzentriert, mit ihr möglichst erfolgreich Homeschooling zu machen. Ich habe quasi mein Abitur nachgeholt (lacht). Aber ihr Zeugnis dann war großartig. Nur Einsen und Zweien. Ein Stück weit waren das auch meine Einsen und Zweien. Außerdem habe ich viel Sport gemacht. Und war regelmäßig joggen. Ich wollte nach der Pandemie möglichst nicht aussehen wie Luciano Pavarotti (lacht).

Wie beurteilen Sie die geltenden Hygienevorschriften bei Ihren Veranstaltungen?
Ich sage es Ihnen wie es ist, selbst wenn ich in diesen anderthalb Jahren Konzerte hätte geben dürfen, ich hätte vermutlich keine gegeben. Die Gesundheit meines Publikums ist heilig. Ich möchte nicht irgendwo von einem Konzert wegfahren und zwei Wochen später erfahren, dass Menschen danach am Beatmungsgerät gelandet sind. Es ist gut, dass so viele vernünftige, reflektierte und intelligente Menschen in Deutschland leben und wir inzwischen eine hohe Impfquote haben.

Sind Sie hinsichtlich der Klingenthaler Rundkirche ein Wiederholungstäter, und wenn ja, welche Erinnerungen verknüpfen Sie damit?
Also in der Rundkirche habe ich noch nicht gesungen. Dafür einige Konzerte im Theater in Bad Elster. Und wissen Sie, in diesen anderthalb Jahren, wo ich quasi auf der Couch gesessen habe, hat mich das im Grunde am Leben gehalten. Die Erinnerungen an wunderschöne Konzerte. Die Akustik im Theater Bad Elster ist großartig. Es waren tolle Abende. Aber die Akustik in der Rundkirche ist vielleicht noch einen Tick fantastischer. Die wird gut mit meiner klassischen Tenor-Stimme harmonieren.

Wie leben Sie Ihre klaren Botschaften gegen Hass und Intoleranz im Alltag?
Ich bin in den sozialen Netzwerken ziemlich aktiv. Facebook, Instagram und so weiter. Und ich versuche mich dort klar gegen diese Verschwörungsvollpfosten zu positionieren. Es ist irre wie viele Lügen und wie viel Propaganda im Netz rumschwirren. Russische und chinesische Trollteams leisten da ganze Arbeit um unsere Demokratie zu schwächen. Und es kostet Menschenleben. Die Menschen fallen auf diese Lügen rein und glauben sie. Stichwort Attila Hildmann, Stichwort Michael Wendler.
Wissen Sie, wir leben im großartigsten Land der Welt. Und dieses Land ist nicht durch Hass und Hetze so großartig geworden sondern durch Liebe, Mitgefühl und Empathie. Liebe schlägt Hass um Längen.

Sie schlagen den Bogen von klassisch-geistlicher bis weltlicher Musik. Wie nehmen Sie Ihre Auswahl vor?
Das ist ganz einfach, ich muss das Lied lieben. Wir haben jetzt ein neues Stück im Programm. Eins, dass ich mir immer gewünscht habe zu singen. "Sound of silence" von Simon & Garfunkel. Und die Menschen lieben es, sie feiern es unglaublich. Und das hat auch damit zu tun, dass ich dieses Lied liebe. Wenn ich ein Lied heiß und innig unbedingt singen will, dann kann es nur gut werden. Wussten Sie, dass "Tochter Zion" von den Nazis verboten wurde? Es durfte nicht musiziert werden. Und heute ist es beliebter und bekannter denn je.

Ist es richtig, dass Sie der Halbbruder von Uwe Hassbecker von der Band Silly sind? Wie ist Ihr Verhältnis zum, "Rocker" in der Familie?
Inzwischen haben wir leider kaum noch Kontakt. Eine Zeit lang hat er mich auf der Bühne begleitet. Das waren schöne Abende. Aber wir haben uns doch ein Stück weit auseinander gelebt.

Wer hat außer Ihnen den größten Anteil an Ihrem Erfolg?
Unter anderem meine Tochter Stella. Seit sie auf der Welt ist, singe ich anders. Ich singe freier, klarer, leidenschaftlicher. Ich muss einfach niemanden mehr was beweisen. Das Beste, was ich auf dieser Welt hinterlassen werde ist da. Und das ist meine Tochter Stella. Die Geburt meines Kindes hatte eine große Auswirkung auf meinen Gesang und meine Präsenz auf der Bühne. Außerdem liebe ich mein Team. Da stimmt einfach die Chemie. Mein Pianist Peter Forster ist ein lieber und kluger Freund. Unser Techniker Olli ein Mann von großem Humor. Ohne diese Menschen wär ich nicht dort wo ich bin. Und jetzt wollen wir das in Klingenthal unter Beweis stellen. Ich möchte dort ein Konzert singen, dass niemand mehr vergisst. Ich möchte, dass die Menschen aus der Kirche gehen und das Gefühl haben, dass die Sterne am Himmel etwas heller leuchten.