"Das wichtigste Gut ist Glaubwürdigkeit"

Die bekannte ARD-Politikjournalistin Tina Hassel referierte in der Greizer Reihe "Prominente im Gespräch" über "Die nervöse Republik".

Von Karsten Schaarschmidt

Greiz - "Politik ist nicht ,Germany's next Topmodel'", sagt Tina Hassel. Würden wir aber in eine Welt geraten, die "stimmt oder stimmt nicht" durch "gefällt mir oder gefällt mir nicht" ersetzt, würden wir auf eine gefährliche Rutschbahn geraten, so die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Berlin. Dieser Tage war die 1964 geborene Fernsehjournalistin zu Gast bei Prominente im Gespräch und referierte in der Greizer Stadt- und Kreisbibliothek zum Thema "Die nervöse Republik". Weit über 100 Gäste drängten sich unterm Dachgebälk, um Frau Hassels vielschichtigen Ausführungen zu lauschen.
 Die Welt scheint immer mehr aus den Fugen zu geraten. Und das Jahr 2019 hat es besonders in sich. Vor historisch wichtigen Jubiläen wie 70 Jahre Grundgesetz oder 30 Jahre Mauerfall zieht das Chaos um den EU-Austritt Großbritanniens, die Leute ebenso in ihren Bann, wie die Eskapaden des US-Präsidenten Donald Trump, der Bündnispartner gleichermaßen brüskiert wie er gewachsene Strukturen der Weltwirtschaft in Frage stellt, aber auch der Diebstahl von 8,3 Gigabyte privater und vertraulicher Daten und deren Veröffentlichung durch einen Teenager Ende vergangenen Jahres trägt nicht zur gesellschaftlichen Ausgeglichenheit bei. Damit nicht genug, im Mai ist EU-Wahl und vier Landtagswahlen stehen in Deutschland an. Mit diesen und weiteren Beispielen offenbarte Tina Hassel die Gründe für "die nervöse Republik", in der wir derzeit leben würden und über die es für sie als Politikjournalistin gemeinsam mit den 20 Fernsehkorrespondenten im ARD-Hauptstadtstudio sowie weiteren 40 Hörfunkkollegen zu berichten gelte. "Das höchste Gut ist die Glaubwürdigkeit", überschreibt sie ihr Arbeitsethos. Und dazu würden auch die fünf Wünsche gehören, die sich aus den Rückmeldungen der Zuschauer ergeben hätten: erstens, sich mehr Fragezeichen gestatten und eingestehen, wenn man etwas nicht weiß; zweitens, entschleunigen und Gründlichkeit vor Schnelligkeit stellen; drittens, Lebenswirklichkeit präsentieren; viertens, erklären der immer komplexer werdenden Welt; und fünftens, ein Ort der Mäßigung sein. Letzteres besitze für Tina Hassel besondere Bedeutung.
 Nach dem facettenreichen Vortrag stieg die Journalistin in Diskussion mit dem Publikum ein. Moderiert wurde das Gespräch von Franz-Josef Schlichting, Leiter der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung, die den Abend mit unterstützte. Zu den angesprochen Themen gehörten unter anderem die Arbeitsweise der ARD bei der Nachrichtenprüfung, so werde eine Nachricht erst veröffentlicht, wenn deren Wahrheitsgehalt von mindestens zwei voneinander unabhängigen Quellen bestätigt ist, so Frau Hassel, über den Umgang mit der NS-Geschichte bis hin zum Gehalt der Ergebnisse der Meinungsforschung vor Wahlen. Musikalisch brillant verfeinert wurde der Abend vom Greizer Kantor Ralf Stiller am Klavier.