Das Uhrwerk steht still

Die Rolling-Stones-Gemeinde trauert um Charlie Watts, Schlagzeuger der berühmtesten aktiven Rockband der Welt: Der 80-Jährige ist im Kreise seiner Familie eingeschlafen - nach schwerer Erkrankung. "Charlie hat mehr als 2000 Konzerte gespielt. Keiner auf der Welt, außer seinen Bandkollegen Mick Jagger und Keith Richards, ist vor mehr Menschen aufgetreten", sagt Klaus Steps (65), Stones-Fan - seit mehr als 50 Jahren. Auch seine drei Brüder verehren die 1963 gegründeten "Rollenden Steine". Steps, Lehrer im Ruhestand und Ex-Leiter der Reichenbacher Friedensschule, wurde in den 1960ern vom Stones-Virus befallen - angesteckt von jungen Eltern und den "Schlagern der Woche" von Bayern 1. Seither ist er süchtig nach Stones-Musik - bis heute.

Herr Steps, Sie besitzen 450 CD mit Musik der Stones und 200 solche Platten. Wie viele Titel hat die Gruppe insgesamt veröffentlicht - und wie viele haben Sie auf Tonträgern zu Hause?
Es existieren etwa 1000 - und rund 750 habe ich auf CD und LP, auf Single und Tonband.

In der DDR wurden die Stones fast bis zum Schluss nicht im Radio gespielt. Können Sie sich noch an Ihr erstes Stones-Album erinnern?
Das erste war "Through the Past, Darkly": Ich habe die Langspielplatte in den 70ern einem Studenten abgekauft, der Staatsbürgerkunde-Lehrer werden wollte. Da waren die Stones in der DDR noch lange verboten. Der Standardpreis für eine solche LP betrug 110 Ost-Mark.

1989 ist die Mauer gefallen. Wann haben Sie Ihr erstes von wie vielen Stones-Konzerten erlebt?
Die Zahl ist zweistellig, ich habe nicht gezählt. Meine Brüder waren schon 1990 beim Konzert, ich erst 1994 in Köln. Ich habe lange gewartet, weil ich Angst hatte: Angst, dass meine Idole nicht so gut sind, wie ich immer geträumt hatte. Die Angst war unbegründet.

Der Gründer der Gruppe Brian Jones starb jung, Frontmann Mick Jagger tobt als Irrwisch über die Bühne und Keith Richards sieht aus wie sein eigener Großvater. Wer war Charlie Watts, der Schlagzeuger?
Er war der Gentleman der Gruppe, einer, der fast ohne Skandale auskam - und seit 1964 mit der gleichen Frau verheiratet war.

Keine Skandale?
Na gut, Alkohol und Drogen haben auch ihm eine Zeit lang zu schaffen gemacht. Dennoch: Er war sehr solide und als Ruhepol der Gruppe bekannt. Er hat nicht viel gesagt - und dennoch oft den meisten Applaus bekommen.

Musikalisch hat er die Gruppe nicht so geprägt wie andere, oder?
Kann man nicht so sagen: Charlie kommt vom Jazz, deshalb hat er nie über Kreuz gespielt, und ja, es stimmt, es gibt erstaunlicherweise, keine offizielle Platte mit einem Schlagzeug-Solo von ihm. Wohingegen Ringo Starr von den Beatles scheinbar alle nasenlang mit einem Solo glänzt. Aber ich sage: Charlie hatte das nicht nötig. Er sagte von sich: "Ich spiele für Mick und Keith - nicht für mich".

Ein Titel, den Sie mit Charlie Watts in Verbindung bringen?
In "Time Waits For No One" heißt es: Die Stunden sind wie Diamanten - vergeude sie nicht. Das ist mein Lebensmotto. Und Charlie klopft die ganze Zeit den Rhythmus, wie ein Uhrwerk. Absolut beeindruckend - und jetzt ist die Uhr stehen geblieben. ufa