Das Theater kommt nach Hause

Das Theater Plauen-Zwickau ist derzeit, wie alle anderen Kultureinrichtungen, geschlossen. Und trotzdem kann es ab heute besucht werden. Es kommt einfach nach Hause...

Von Torsten Piontkowski

Plauen Die Liste der abgesagten Veranstaltungen, Aufführungen und Premieren ist lang. Kaum eine Woche ist es her, als man überlegt habe, wie das Theater lebensfähig gehalten werden könne, sagt Generalintendant Roland May. Ja, man habe zwischenzeitlich sogar überlegt, ob man ein Stück von Samuel Beckett spielen könne - die Handelnden stehen weit entfernt voneinander, mehr als fünf Schauspieler werden nicht benötigt. Überlegungen, von den Ereignissen der Zeit längst ad acta gelegt.
Inzwischen habe man einen Krisenstab gebildet, die Probebühne bilde aufgrund ihrer Größe einen gewissen Schutz. Denn der Schutz aller Kollegen, sagt May, genieße oberste Priorität - auch vor dem Hintergrund, dass im Chor und Orchester der Anteil älterer Kollegen relativ hoch sei. Und natürlich treiben einen "Kulturbetrieb" derzeit die gleichen Probleme und Sorgen um, wie in anderen Bereichen des Lebens. Die Lohnfortzahlung wurde gesichert für jene, die aufgrund der Kinderbetreuung zu Hause bleiben müssen. Der Probenbetrieb wurde eingestellt, etliche Kollegen arbeiten im Home Office, in der Buchhaltung werde die Gehaltszahlung vorbereitet. Dazu plagen die Leitung derzeit noch spezielle Probleme - beispielsweise wie die Gastverträge gehandhabt werden.
Ob man unter Umständen schon ab 20. April einen Neustart wagen kann? "Der Begriff ‚unabsehbar‘ ist einer, der dem General die größten Sorgenfalten ins Gesicht treibt. Das Theater habe immer eine gesellschaftliche Bremsfunktion innegehabt, begleitete Prozesse im Abwägen von Für und Wider. Jetzt wurden wir selbst ausgebremst", sagt May.
Und dennoch: Not macht erfinderisch, wie der Volksmund sagt. Annett Göhre, die Ballett-Chefin probt mit ihrem Ensemble "übers Netz". Was man sich so vorstellen muss, dass sie selbst Figurationen tanzt, davon kleine Filme herstellt, die Kollegen sich diese auf den Rechner holen und sie nachtanzen. Denn Tänzer müssen im Training bleiben, ohne ständiges Proben leidet die Fitness. Und die anderen? "Die hängen zu Hause und kommunizieren miteinander", sagt May. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Ab heute nämlich wird die analoge zur digitalen Bühne. Kleine Videostreifen, von Mitgliedern verschiedener Sparten selbst gedreht, werden online gestellt und können in den sozialen Netzen angeschaut werden. Ebenfalls im "Angebot": Virtuelle Rundgänge durch die Häuser in Plauen und Zwickau, samt Abstecher in den Werkstätten und manch anderem Blick hinter die Kulissen. Noch in der Überlegung die Möglichkeit, vielleicht auch frühere Aufführungen ins Netz zu stellen.
"Der Zeitbegriff bekommt derzeit eine neue Dimension", sagt May. Man wird ein Stückweit auf sich selbst geworfen. Doch Entschleunigung lässt sich auch produktiv nutzen, ist er überzeugt - in dem wir uns grundlegende Fragen stellen, wie wir künftig zusammen leben wollen. Denn "körperliche Distanz - ja, soziale Distanz - nein.
Eine Woche vor der Premiere fiel nun auch im Wortsinne der "Besuch der alten Dame" aus, dass "Jugenstück "Auf Eis" wurde auf selbiges gelegt. Könnten die Proben für die "Lustige Witwe" ab 20. April stattfinden, sei eine Verschiebung auf den 2. Mai denkbar, so der "General". Gleiches gilt für die "Vier Jahreszeiten" - besagtes Ballett, für das Annett Göhre auf ungewöhnliche Weise probt. Auch hier wäre die Premiere am 23. Mai denkbar. Auf die nächste Spielzeit verschoben werden definitiv der "Zerbrochene Krug" - hier waren die Kulissen bereits fertig - und "Frankenstein - das Monster in uns". Das 6. Sinfoniekonzert ist ebenso gestrichen, wie der in Zwickau und Plauen zur Aufführung stehende "Messias", die beiden Konzerte im Rahmen des Schumann-Wettbewerbs und der Internationale Instrumentenwettbewerb in Markneukirchen - auch hier hatte das Plauener Ensemble Termine. Die "Nagelkreuz"-Verleihung am 10. April fällt dem Virus ebenso zum Opfer, wie das festliche Konzert des Clara-Schumann-Orchesters.
Ob die Open-Air-Produktionen im Parktheater machbar sind , steht ebenso in den Sternen, wie sie sonst unter Sternenhimmel stattfanden. Auf die wichtigste Frage aber kann May eine beruhigende Antwort geben: Alle Kollegen des Hauses sind gesund, manche haben angefragt, ob sie in der spiel- und probenfreien Zeit in anderen Bereichen, beispielsweise in Geschäften aushelfen dürfen.