"Das Telefon klingelt immer"

Was macht Corona mit den Menschen, wenn ihnen die sozialen Kontakte fehlen, wenn Freunde und Familie nicht mehr klingeln oder auch im Treppenhaus keine Gespräche mehr geführt werden?

Von Gabi Kertscher

Plauen Viele Menschen schließen hinter sich die Türen und meiden weitestgehend soziale Kontakte. . Das trifft in erster Linie ältere Menschen. In der Telefonseelsorge Vogtland des Diakonischen Werkes Auerbach wurde eine zweite Leitung eingerichtet, um dem Ansturm gerecht zu werden.
"Das Telefon klingelt immer, außer zwischen 2 und 4 in der Nacht", erzählt Leiterin Tabea Waldmann. Die rund 60 ehrenamtlichen Mitarbeiter hören sich die Probleme und Hilferufe an und versuchen, so gut es möglich ist, zu unterstützen.
Für jedes Gespräch wird durchschnittlich eine halbe Stunde eingeplant. Es könne aber auch länger dauern, auf die Uhr geschaut wird nicht.
Die ausgebildeten Berater und Seelsorger nehmen rund 40 Gespräche pro Tag an. "Meist geht es um Corona." Die Menschen sprechen von ihren Ängsten, über die Gesundheit, über Kurzarbeit und ihre finanzielle Situation.
Die größte Gruppe der Anrufer stellen allein lebende Personen dar, denen jetzt die sozialen Kontakte fehlen. Dabei sind viele aus der Altersgruppe 50+. Jüngere Menschen sind mehr im Internet unterwegs und informieren sich dort. Wer diese Möglichkeit nicht hat, möchte wissen, ob das Gehörte stimmt.
"Wir geben Sicherheit, auch wenn es negative Nachrichten sind", so Tabea Waldmann. Ihre Informationen bekommen die Mitarbeiter der Telefonseelsorge aus dem Internet und den öffentlichen Medien. Man betreibe keine "Lobhudelei", aber lege Wert auf positives Denken. Die Menschen sollen sich aufgehoben fühlen und etwas beruhigter den Hörer wieder auflegen können.
Eine besonders schwere Aufgabe haben in dieser Zeit die 20 ehrenamtlichen Telefonseelsorger am Kinder- und Jugendtelefon des Deutschen Kinderschutzbundes des Ortsvereins Plauen.. Von Montag bis Freitag ist das Nottelefon von 14 bis 20 Uhr besetzt und, wie bei den Erwachsenen, ist das Hauptthema zurzeit "Corona", berichtet Dietgard Nekwinda, die Leiterin des Kinder- und Jugendtelefons. Die Kinder seien meist zwischen zehn und 15 Jahren alt, manchmal auch älter. Sie wollen wissen, wie es sich mit der Ansteckung verhält und ob das wirklich so stimmt, was die Eltern sagen. Viele von ihnen stehen unter starkem Druck. Sie schaffen die schulischen Aufgaben nicht allein und erhalten keine Hilfe.
"Die Mutter hat schlechte Laune oder sie leiden unter den genervten Eltern." Frau Nekwinda kann Kinder, wie auch Eltern verstehen. Die Sorgen vor einer Ansteckung sind nicht nur bei den Erwachsenen vorhanden. Die Kinder wollen wissen, ob die Hygiene reicht und wie man sich am besten vor dem Virus schützt.
"Es sind nicht mehr Gespräche geworden, aber intensivere. "Die Zahl der Spaßanrufe habe jedenfalls abgenommen und es werden ernsthafte Probleme angesprochen. Man versuche zu helfen und die vielen Fragen zu beantworten. Täglich erreichen das Kinder- und Jugendtelefon 30 bis 50 Anrufe von zehn- bis zwanzigjährigen Vogtländern.
Die Telefonseelsorge Auerbach ist unter 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222 rund um die Uhr zu erreichen. Das Kinder- und Jugendtelefon steht montags bis freitags von 14 bis 20 Uhr unter 116111 zur Verfügung.
Alle Anrufe, beider Notrufnummern werden selbstverständlich anonym behandelt.