Das Museum der "Wow-Effekte"

Vier Tage besuchte der Direktor des Vogtlandmuseums, Dr. Martin Salesch, Tallinn. Dabei steht sein Urlaub noch bevor. In der estnischen Hauptstadt aber sah er sich dienstlich um.

Plauen - Spaziert ein Tourist durch die estnische Hauptstadt dürfte es nicht lange dauern, bis er vor einem architektonisch besonders auffälligem Gebäude Halt macht und es bestaunt. Dann wiederum kann es gut möglich sein, dass das Team KoKo Architects im Wortsinne seine Hände im Spiel hatte.

Der Tourist wird das Gebäude - oft ein Museum - näher inspizieren und sich in Kindermanier wünschen: "Das will ich auch haben". Kommt der Besucher aus Plauen, muss er darauf auch gar nicht mehr allzulange warten, denn die Talliner haben den Auftrag, das Weisbachsche Haus innenarchitektonisch so zu gestalten, dass es deutschlandweit und darüber hinaus zu einem Begriff wird. "KoKo hat in Sachen interaktive Medien schon ordentlich was vorgelegt, da kann man nicht nur vieles sehen, sondern auch ausprobieren", begründet Dr. Salesch seine Dienstreise zu diesem Zeitpunkt.

In der Regel aber sind die Esten regelmäßig bei ihrem "Baby" in Plauen - mindestens ein Mal monatlich. Was der Museumsdirektor in der estnischen Hauptstadt "made by KoKo" sah, hat ihn begeistert - er nennt die vor fünf Jahren von dem vorwiegend jungen Team gestaltete Synagoge. Besonders beeindruckt zeigt er sich vom städtischen Wasserflugzeugmuseum, untergebracht in einer schon 1914 errichteten Halle. Das Gebäude wurde saniert und samt davor befindlichem Hafen zu einem multimedialen Ereignis herausgeputzt.

Spitzenmuseum soll deutschlandweit punkten

"Sicher hat das Thema zunächst wenig mit dem in Plauen Geplantem zu tun, aber die Herangehensweise von KoKo hat uns brennend interessiert", sagt Dr. Salesch.

Eine Station ist mit 3 D-Brillen ausgerüstet - "so etwas wollen wir auch", lächelt der Museumsdirektor. Und da sei es eben wichtig, sich vor Ort einen Eindruck zu verschaffen, denn manchmal gehe es um Details. Wie kommen die Besucher mit diesen Brillen zurecht?

Denn einigen, so die Erfahrung, werde es leicht schwindlig, dann müssen Sitzplätze zur Verfügung stehen. Und weil sich dieser große stämmige Mann das Kind in sich bewahrt hat, erzählt er begeistert von einer riesigen Beamerfläche. "An einer Station der Unterwasserlandschaft konnte man selbst Fische bemalen.

Die wurden dann gescannt, tauchten anschließend auf einer großen Leinwand auf und schwammen mit den anderen." Was ihn dabei nicht minder beeindruckte: Das sei alles gar nicht so kompliziert wie es klinge, weshalb es, auf die Bedürfnisse des Spitzenmuseums zugeschnitten, auch hier machbar sei.

In der Regel erstelle man erst die inhaltliche, danach die gestalterische Konzeption. Dass es hier genau umgekehrt läuft - damit kann der Experte gut leben, wenngleich es im Umkehrschluss bedeutet, dass er sich erst mal "zurücknehmen" muss. Denn über allem steht quasi die Überschrift: Das Weisbachsche Haus soll etwas Besonderes werden. Kein technisches Museum im engeren Sinne, diesen Anspruch erfüllt die Schaustickerei.

Den Schwerpunkt des Museums in der Elsteraue sieht Dr. Salesch darin, auf vielfältige Art Personen zu zeigen, die mit der Plauener Textilindustrie zu tun hatten und haben - Unternehmer, Techniker, Arbeiter.

Wenn das gelingt, ist er überzeugt, dann ist das in der deutschen Textilmuseumslandschaft einmalig. Die Herausforderung steht, denn das Weisbachsche Haus war ja nie als Museum angelegt, obwohl seine Bedeutung für die Anfänge der Textilindustrie, der Industrialisierung schlechthin, unbestritten ist. "Je mehr ich mich damit beschäftige desto deutlicher wird mir, wie eng die Plauener Textilindustrie in weltweite Prozesse eingebunden war", sagt Dr. Salesch.

Deshalb müsse man sie auch aus der "vogtländischen Ecke" rausholen. "Was glauben Sie, wie eng die hiesige Textilindustrie mit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zu tun hatte", nimmt er einen solchen Zusammenhang auf - "und all das soll auf multimediale Weise abgebildet werden."

Die Besucher sollen möglichst viel selbst "entdecken" und probieren können, "Wow-Effekt" inklusive. Im Mai habe man allen Beteiligten die Ergebnisse der Entwurfsphase vorgestellt - Vertretern des Spitzenmuseums, des Branchenverbandes, der Schaustickerei, der Industrie, Künstlern und natürlich den Brüdern Weisbach und dem ebenfalls im Weisbachschen Haus agierenden Klaus Helbig. Die Resonanz sei positiv gewesen und Anregungen gab es ebenfalls.

Beispielsweise - wie vorgesehen - dass Personen im Mittelpunkt der Exposition stehen sollen und die Themen nicht unbedingt chronologisch geordnet sein müssen. Dass man sich im Schaudepot im zweiten Obergeschoss des Anbaus stärker auf die Plauener Kunstschule konzentrieren wolle und im Mansardenraum Sonderausstellungen gemeinsam mit der Initiative Kunstschule realisiert werden sollen. Sonderausstellungen, weiß Salesch, bedeuten immer einen Riesenaufwand.

Da sei es gut, sich mit der Initiative Kunstschule zu verbünden. Nun stehe der Grobentwurf, bis Ende des Jahres werde die Feinplanung beendet sein, sagt der künftige Hausherr an der Elsteraue, und das es ihm von Anfang an wichtig gewesen sei, sich nicht in architektonische Fragen einzumischen. Wohl wissend, dass es da viele seiner Fachkollegen ganz anders halten. "Die Treppenfarbe ist mit letztendlich egal", schmunzelt Dr. Salesch. Entscheidend sei, dass die flexible Nutzung passe und auch in zehn Jahren noch Bestand habe.

Baubeginn verzögert sich um ein Jahr

Was er erst auf Nachfrage sagt: Dass der Zeitplan der Baumaßnahmen nicht gehalten werden könne. Ein Jahr Verspätung gäbe es auf alle Fälle, das heißt, die Baumaßnahmen beginnen frühestens Mitte nächsten Jahres, was die Eröffnung auf etwa Oktober 2021 "rutschen" lässt. Da es sich aber um einen Altbau handelt, dürfte auch dieser Termin nicht der letzte sein, vermutet Dr. Salesch. Dem Vernehmen nach soll die Verschiebung auch was mit dem Fließen von Fördermitteln zu tun haben - und ob die ursprünglich vorgesehenen finanziellen Mittel ausreichen, vermag er auch nicht zu sagen. Sein Achselzucken aber deutet eine Tendenz an.

"Wir hätten dieses zusätzliche Jahr nicht gebraucht und halten daher an unserem ?eigenem? Termin Ende des Jahres fest", stellt Dr. Salesch klar, dem es auch aus einem anderen Grund nicht gefallen würde, verschöbe sich der Eröffnungstermin um ein weiteres Jahr. Das wäre dann 2022, bekanntlich das Stadtjubiläum, und irgendwie passt da die Eröffnugn des Spitzenmuseums nicht rein, glaubt er.