Das Leben nach dem Suff - es lohnt sich

Jan ist 34 Jahre alt und wie er da so sitzt und spitzbübisch lacht, geht er auch als zehn Jahre jünger durch. Hätte er Pech gehabt und nicht irgendwann die Reißleine gezogen - er wäre auch nicht 24 geworden.

 

Als sich Jan zu einer stationären Entgiftung entschloss, wog er noch 36 Kilogramm. Drei derartige Klinikaufenthalte hat er hinter sich, der letzten schloss sich eine ebenfalls stationäre Langzeit-Therapie an. Als Jan begann, regelmäßig nach der Flasche zu greifen, war er Anfang 16.

Norman war etwa gleich alt, heute ist der gebräunte schwarzhaarige junge Mann 22 Jahre. Beide sitzen im Gruppenraum der Suchtberatungsstelle der Diakonie in der Marktstraße 15. Ihre Sucht hat sie zusammengeführt, glücklicherweise nicht am Biertisch, sondern eben hier. Gemeinsam mit zwei anderen Jugendlichen - darunter einem Mädchen - haben sie am 20. Juni eine Selbsthilfegruppe gegründet. Für junge Ex-Alkoholsüchtige. "Abstinente U 35" heißt sie. "Ob das ein verständlicher Name sei?", fragen sie mich eingangs, denn sie wollen möglichst viele Betroffene auf sich aufmerksam machen.

Dass das Einstiegsalter in die Alkoholsucht immer geringer wird, kann auch Suchtberater Udo Augsten bestätigen. Und er hat Zahlen parat, aktuelle, für Plauen. "Wurden im Vorjahr noch 13 Patienten, jünger als 30 Jahre, im Helios Vogtlandklinikum medizinisch entgiftet, sind es in diesem Jahr bereits sieben", bemüht Augsten die Statistik. In seiner alltäglichen Arbeit hat er beobachtet, dass die Abhängigen seit etwa drei Jahren immer jünger werden. Er erinnert sich an eine 22-Jährige, angesichts deren Sucht auch er skeptisch war, ob sie den Absprung schaffen würde. Sie hat und ist seit drei Jahren "clean".

Sich professionell helfen zu lassen ist keine finanzielle Frage, wissen auch Jan und Norman, denn die Kosten werden von der Kasse übernommen. Im Kopf muss es stimmen. "Ich war körperlich am Ende, bin fast auf allen Vieren zur Entgiftung geschlichen", erinnert sich Jan an sein abgelegtes Leben. Dabei hatte er all die Jahre über noch "Glück". Weder ihm noch anderen ist während seines Suffs etwas passiert, keinerlei Vorstrafen hat er im Register. Was ihm nun Pluspunkte zu bringen scheint. "Erst hab ich gedacht, ohne Saufen verliert dein Leben an Qualität, inzwischen hab ich gecheckt, dass es umgekehrt ist", sagt Jan. "Langsam kommt der Erfolg. Ich habe eine Umschulung gemacht, mich mit meinen Eltern ausgesöhnt, von den Saufkumpels getrennt, eine Wohnung bekommen und sogar den Führerschein ins Auge gefasst", listet er die Ereignisse seit dem 15. Januar 2008 auf, dem Tag seitdem er trocken ist.

Nicht ganz so viel Glück hatte Norman. Vorstrafen stehen an, Brandstiftung im Vollrausch unter anderen. Norman ist seit dem 20. Oktober des Vorjahres trocken. "Man kommt als Jugendlicher viel zu schnell an Alkohol ran", sagt er rückblickend und fast könnte dieser Satz von seinem Suchtberater sein. Norman hatte nie Alkoholprobleme - "es war immer genügend da, eine Sicherheitsreserve musste sein." Er hatte Filmrisse und "lernte", dass man seinen Trinkpegel auch trainieren kann, nach oben selbstverständlich. Das kennt Jan zur Genüge. "Drei Promille am Tag waren normal, Resultat von einer Flasche ?Weißen? und nem halben Kasten Bier, oft mehr."

 

Kein bisschen Stolz klingt aus ihren Stimmen, wenn sie darüber erzählen. Jetzt sei der Stolz da, es geschafft zu haben, sagen beide. Obwohl, auch das haben sie gelernt, eine hundertprozentige Sicherheit, trocken zu bleiben, gibt es nicht. Deshalb suchten sie nach der Entgiftung Anschluss an eine Selbsthilfegruppe. Davon gibt es allein in Plauen drei, doch die meisten Mitglieder sind deutlich älter. Also wollen sie nun selbst eine auf die Beine stellen. Sich mit anderen darüber austauschen, was man in der Freizeit tun kann, ohne an der Flasche zu hängen, dass es ein sinnvolles Leben nach dem Suff gibt. Sie treffen sich am ersten und dritten Samstag jedes Monats, ab 9.30 Uhr, im Gruppenraum der Suchtberatungsstelle in der Marktstraße 15. Weitere Infos erteilt die Diakonie auch unter der Rufnummer 22 3489.

Willkommen sind alle, die abstinent leben wollen, eine mindestens vierwöchige Trockenphase hinter sich haben oder eine Entgiftungsbehandlung. "Wir haben inzwischen ein Gespür, ob es jemand ernst meint oder die Sache eher ins Lächerliche ziehen will", sagen sie nachdenklich. Übrigens: Jan hat inzwischen einen Job in Hof in Aussicht, Norman beginnt Mitte August eine Lehre. tp