Das Jahr der Zertifikate

Wer am Mittwoch voriger Woche Fragen an die Chefin des Hotels "Alexandra" hatte, dem konnte dieser Wunsch ausnahmsweise mal nicht erfüllt werden. Denn Alexandra Glied nahm stellvertretend für das gesamte Team in Olbernhau eine Auszeichnung entgegen, mit der in diesem Jahr nur ein einziges Hotel in Sachsen gewürdigt wurde.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Wer sich in Zeiten wie diesen, noch dazu in der Gastronomie, um eine Auszeichnung bewirbt, dem steht das Wort Optimisums quasi auf der Stirnt geschrieben. Und zu denen zählt Alexandra Glied auch in Zeiten, in denen es dem Familienunternehmen an der Bahnhofstraße deutlich besser ging als in Corona-Zeiten. Am Mittwoch nahm sie auf der Veranstaltung "Tourismusbarometer der Sparkasse" im erzgebirgischen Olbernhau das Zertifikat "Service.Qualität.Deutschland" entgegen. Besagtes Zertifikat gilt drei Jahre, Frau Glied hatte ihren gastronomischen Hut quasi erstmals ins Rennen geworfen. Bewertet werden Qualität, Service und das Auftreten der Mitarbeiter. Vorab muss die betreffende Einrichtung einen Mitarbeiter zum Qualitätsmanager schulen lassen - im Falle des Familienunternehmens war es Alexandra Glied selbst.


Und wer jetzt gelangweilt abwinkt, weil sich das Hotel vermeintlich selbst gecheckt hat - Fehlanzeige. Denn natürlich kamen die Prüfer auch vor Ort und informierten sich geradezu pingelig online. Die Regie obliegt dem Landestourismusverband. Dass Wirtschaftsförderer Eckhard Sorger sich ebenfalls nach Olbernhau begeben hatte - Frau Glied hebt es anerkennend hervor. Vor allem aber sieht sie die Zertifizierung als Wertschätzung ihres gesamten Teams.


"Es scheint bei uns das Jahr der Zertifizierungen zu werden", fügt sie lachend an, denn auch für das Attribut "familienfreundlich" habe man sich erfolgreich beworben. Diese Auszeichnung steht offiziell noch bevor und findet am 5. Oktober in Dresden statt. Ihres Wissens sei man in diesem Jahr das einzige Stadthotel in Sachsen, dem dieses Zertifikat verliehen werde. Auch hier erfolgte im Vorfeld ein so genannter Mysterie-Check - "Undercover"-Tester sahen sich gründlichst um.
Nach der heutzutage unvermeidlichen Frage, wie es denn überhaupt so gehe, wiederholt Frau Glied ihre Antwort, die sie schon in den schlimmsten Corona-Zeiten im März/April gab, als das Hotel nahezu verwaist war. "Ich bin der Typ ‚es geht uns gut‘", sagt sie. Es gehe Stück für Stück aufwärts, "wir rappeln uns hoch und ich persönlich bin auch zuversichtlich." Da es in Sachsen ja für Unternehmen wie ihres keine Fördergelder gab, habe sie mit der Hausbank ein Darlehen ausgehandelt. "Das ist jederzeit tilgbar und außerdem gehe ich damit gewissermaßen auf Nummer sicher, wenn es im Herbst wider Erwarten erneut zu größeren Einschränkungen kommen sollte.Wir haben im letzten Jahr für eine sechsstellige Summe renoviert und auch diese Kosten sind mit Netz und doppeltem Boden auf diese Weise abgesichert." Für sie, so Frau Glied, sei der Zusammenhalt ihres Teams wichtig, die Zeit der anteiligen Kurzarbeit sei bereits seit Mai vorüber, momentan suche man sogar wieder Mitarbeiter. Und dann fügt sie noch einen bemerkenswerten Satz an. "Ich bin ja Christin, aber mit Darwin stimme ich völlig überein wenn er sagt, in schwierigen Zeiten überlebt nicht der Stärkste, sondern der Anpassungsfähigste."