Das Innenleben des RIAS

In seinem neuen Buch "Zeuge der Wende - Das war mein RIAS-TV" erzählt Gerhard Specht die Geschichte der wohl aufregendsten Epoche der Nachkriegszeit aus der Perspektive eines Fernsehredakteurs in einem außergewöhnlichen Sender. Specht war von der ersten bis zur letzten Sendeminute als Chef vom Dienst und Abteilungsleiter beim Sender engagiert.

Warum zerriss der "eiserne Vorhang" zwischen Ost und West? Wie kam es zur friedlichen Revolution in der DDR? Was geschah in der Nacht der Nächte, dem 9. auf den 10. November 1989 in Berlin und wie schnell erwachten viele Menschen im Osten Deutschlands in einem für sie fremden System?


Wegen Corona leicht verspätet, ist jetzt zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit und zum 75. Geburtstag von RIAS Berlin im Februar 2021 das Taschenbuch "Zeuge der Wende - Das war mein RIAS-TV" erschienen. Erzählt wird die Geschichte eines Journalisten aus Westdeutschland, der in Berlin zur Gründungs-Crew des neuen TV-Programms von RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor) stößt und sich dort mit den für ihn neuen Arbeits- und Lebensbedingungen in der geteilten Stadt und in der DDR vertraut machen muss.

Wie baut man ein TV-Programm auf, ohne regelmäßig im Sendegebiet drehen zu dürfen? Wie gestaltet man ein Frühstücksfernsehen, das informations-basiert sein soll, ohne als "Valium-TV" geschmäht zu werden? Das Kapital des Senders ist die junge, hochmotivierte Mannschaft, die für einige Kollegen und Kolleginnen zur Startrampe einer großen Karriere wurde. Beispiele: Nina Ruge (ZDF), Bettina Tietjen (NDR/ARD), Günther Neufeldt (ZDF), Dr. Claudia Schreiner (u.a. MDR und Radio Bremen), Dr. Wolfgang Krüger (Staatsekretär in Potsdam und Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus) oder Stefan Raue (Intendant Deutschlandfunk).
Die Crew von RIAS-TV gestaltete zunächst ein Programm, das regional, später bundesweit über ARD und ZDF und schließlich als "Deutsche Welle" (DW) weltweit rund um die Uhr, rund um den Globus ausgestrahlt wurde. Das Buch verknüpft Berichte und Anekdoten aus dem Innenleben eines Senders mit den Ereignissen des wohl wichtigsten Abschnitts der deutschen Nachkriegsgeschichte. Skizziert wird die Entwicklung in Osteuropa und die der friedlichen Revolution in der DDR.
In der Rückschau erscheinen die Ereignisse des Jahres 1989 heute wie ein Staffellauf zum 9./10. November. Die "Nacht der Nächte" bildet das Herzstück des Buches. Die Nacht wird aus der Sicht eines Fernsehredakteurs geschildert, der die Ereignisse, Emotionen und die Euphorie dieser Nacht zu einer dreistündigen Livesendung zusammenfassen darf. Diese Perspektive ermöglicht ein Bild dieser Nacht, das die politischen, menschlichen, historischen und ganz persönlichen Eindrücke widerspiegelt.


Der Autor erzählt von einer Frau am Übergang Bornholmer Straße, die jubelnd einem Grenzsoldaten um den Hals fällt und ihn abküsst., weil sie plötzlich ihre Eltern im Westen besuchen darf. Oder von einer anderen Frau, die herzzerreißend fleht einmal durch das, um diese Zeit schon wieder geschlossene Brandenburger Tor gehen zu dürfen oder von einer Reporterin, die mit Strafzetteln der West-Berliner Polizei als "Beweismittel" versucht, zögernde DDR-Bürger davon zu überzeugen, dass man gefahrlos über die Brücke in den Westen und zurück gehen kann. Berlin war im Ausnahmezustand. So viel Jubel war nie.


Der Zeuge der Wende bleibt auch nach dem 9. November auf seinem Beobachtungsposten und verfolgt den Prozess der deutschen Vereinigung bis über den 3. Oktober hinaus. Der Autor erlebt, wie schnell viele DDR-Bürger aus ihren Träumen in einem für sie fremden kapitalistischen System erwachen. Und er erlebt, wie wendefähig viele Funktionsträger sind. Da ist der Ex-DDR-Staatsratsvorsitzende Egon Krenz, der dem ehemaligen Feindsender Nr. 1 eine Widmung in sein Buch schreibt, da ist das ehemalige Presse-"Abwehr"-Zentrum (IPZ), das früher fast jede Drehgenehmigung in der DDR verweigerte und plötzlich die "Zusammenarbeit optimieren" möchte und da ist das DDR-Grenzorgan, das den Autor bittet, für ein paar Minuten den innerdeutschen Grenzübergang zu bewachen. "Zeuge der Wende - Das war mein RIAS-TV" verbindet Zeit- und Mediengeschichte mit ganz persönlichen Erlebnissenn des Autors.
Das Buch ist erschienen im Omnino-Verlag, Berlin und hat 253 Seiten. Taschenbuch 15 Euro, E-Book 12,99 Euro.