Das erste Weihnachten nach dem Krieg in Plauen

Plauen -Das erste Weihnachten nach dem Krieg werden viele Menschen ihr Leben lang nicht vergessen. Dass es für Hunderte Plauener inmitten von Trümmern dennoch ein wenig besinnlich wurde, ist auch ihr zu verdanken: Johanna Zeidler.

 

 "Ich muss doch ernst sein, wenn ich Nachkriegsbilder angucke, da kann ich doch net lachen. Aber ich lach' doch für mein Leben gern", sagt sie tatsächlich spitzbübisch lächelnd, als wir sie zu Hause besuchen und um ein Foto bitten. Vor uns sitzt eine Frau, geboren zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Die Kindheit verlebt in der Weimarer Republik samt Inflation, die Jugend im zwölf Jahre währenden "Tausendjährigen Reich", die Jahre als junge Frau in den Trümmern der Nachkriegszeit.

 

Epochen die vermuten lassen, dass sie eigentlich nicht viel zu lachen hatte. Doch Johanna Zeidler ist keine, die sich unterkriegen lässt. Auch nicht von einem gebrochenen Bein im Vorjahr, das sie monatelang ans Bett fesselte. "Das Falsche auch noch", wie sie erklärt, denn "mit dem Bein" hat sie es schon ihr Leben lang. Nun bewegt sie sich mit dem Rolli durch die kleine Erdgeschosswohnung in der Geibelstraße. Hin und wieder fällt ihr ein Name aus lange vergangener Zeit nicht mehr ein "Da könnt' ich mich zu Dreck ärgern, das hat doch vor dem Sturz noch geklappt", sagt die 90-Jährige und lässt sich auch nicht damit "trösten", dass es weit Jüngeren nicht anders geht.

 

MDR stülpt Wohnung um

 

Also Johanna Zeidler, Ur-Plauenerin, geboren und aufgewachsen in der Gellertstraße. Eine bekannte rüstige Dame, zumindest für Zuschauer des MDR. Denn bereits mehrfach wurde der Beitrag über sie ausgestrahlt in dem es darum ging, wie die Plauener das erste Nachkriegs-Weihnachten begingen und wem sie es unter anderem zu verdanken haben, dass es ein ganz klein wenig besinnlich wurde. "Ich weiß gar nicht, warum die mich dieses Jahr nicht angerufen haben, bevor sie es vor zwei Wochen gesendet haben", wundert sie sich. Immerhin hätten sie das die ersten beiden Male auch getan.

Und ganz genau erinnert sie sich, als das Drehteam bei ihr "einfiel". "Ich hab gedacht, die sind in Leipzig ausgezogen", lacht sie. "Meine ganze Wohnung haben die umgestülpt, aber hinterher wieder alles an seinen Platz gestellt. Eigentich wollten sie drei Stunden bleiben, aber dann habe ich ihnen eine Wurstplatte gemacht und da saßen sie nachmittags um Drei auch noch", sagt Frau Zeidler, bei der es weiß Gott niemandem schwerfällt, länger zu bleiben und ihren Geschichten zuzuhören. "Eigentlich wollt ich das alles net, aber die Fernsehleute waren drei Mal da und bettelten so, und dann hab ich das meinem Zahnarzt erzählt und der meinte, bei ihm waren sie auch schon und ich soll das nur machen lassen, das sei nicht so schlimm."

 

"Krieg ist bald zu Ende"

 

Ja, ein bisschen "Vorspann" muss schon sein, bis die agile Frau beim "Urschleim" beginnt, wie sie die Zeit Ende der 30er Jahre nennt. Da lernte sie bei der Bank in der Reichsstraße, die Höhere Schule gerade beendet. Als die beiden Bank-Chefs in den Krieg ziehen mussten, sollte sie die Bank übernehmen. Doch dazu kam es nicht mehr, auch in Plauen überschlugen sich die Ereignisse. Das Bankgebäude wurde zerbombt. Kurz vorher erhielt sie Besuch von Ernst Tietz. Ein Name, der im Gespräch mit der alten Dame noch oft fallen wird, denn eigentlich gebühre ihm der Dank, den der bescheidene Mann zu Lebzeiten nie erhalten habe. "Der Krieg ist bald zu Ende hat der Tietz damals zu mir gesagt." Und dann werde er als alter SPDer das Sozialamt übernehmen und ich solle die Abteilung für Kriegsversehrte leiten.

 

Schweizer Kaffeebohnen

 

Und ganz so ähnlich sollte es auch kommen. Inzwischen selbst ausgebombt, fand Johanna samt ihrer Eltern Unterschlupf bei der Tante in Drochaus. Dort waren die Amerikaner und "die hatten eine gute Nase, wo junge Mädle sind". Ich konnte englisch und das hat dene natürlich gepasst", grinst sie. Aber auch mit 90 weiß man, was der Gegenüber da gleich denkt. "Nee, die haben mir nichst getan, aber meine Eltern hatten Angst. Also bin ich im Gardinengeschäft meines Vaters in der Hans-Sachs-Straße untergekommen." "In diesen Wochen bin ich dem Tietz Ernst wiederbegegnet und der meinte, man müsste doch was für die vielen alten und kranken Menschen tun, da hausten doch ganz viele in Kellerlöchern und kalt wars schließlich auch. Irgendwoher jedenfalls hatte der Tietz Verbindung in die Schweiz und auf einmal kam bei uns ein halber Zentner roher Kaffeebohnen an. Den haben wir zu Hause geröstet und dabei entstand dann wohl auch die Idee, eine Weihnachtsfeier in der Festhalle zu organisieren. Die stand zwar noch, aber innen sah es wüst aus."

 

Hauptpreis Zweipfund-Brot

 

Eine Weihnachtsfeier für Hunderte, wenn nicht Tausende Ausgebombte, zu veranstalten mit einem halben Zentner Kaffee, wäre vielleicht machbar gewesen, aber für Frau Zeidler eine Spur zu einfach. Also stellt sie mit anderen Helfern eine Tombola-Bude auf dem Festplatz auf und verkauft Lose. Für die Gewinne mussten aber erst mal die Bauern angebettelt werden oder die Bäcker.

Zu den Tombola-Preisen gehören Scheuerhader und Wischlappen, den Hauptpreis bildet ein Zwei-Pfund-Brot. "Das haben wir nicht gleich am Anfang angeboten, wir wollten ja bissel Geld eintreiben und die Leute kamen wirklich in Scharen", erinnert sie sich. Blieb noch die weihnachtliche Ausgestaltung der Halle. "Ich hab mich an die Firma Herbst gewandt", sagt Frau Zeidler, und liest ohne Brille aus dem entsprechenden Brief vor. "Vater und Sohn haben das gemeinsam hinbekommen, da hat auch keiner Dank erwartet, das war selbstverständlich." Deshalb ist es ihr auch so wichtig, dass solche Menschen - Herbst junior lebt noch - wenigstens nach sechseinhalb Jahrzehnten Anerkennung finden. Von dem Tombola-Geld luden sie dann die alten Menschen in die Festhalle ein. "Da hat jeder geheult als er reinkam", sagt sie mit feuchten Augen, aus den Tränen quillen.

 

Ein Leben lang im Rathaus

 

Dabei war sie nie nahe am Wasser gebaut. Die Umstände waren nicht so. "Der Tietz hat alles vorangetrieben nach dem Krieg, zuletzt haben die Leute ihn nur noch Vater Tietz genannt", erinnert sie sich. Ein halbes Jahr später der gleiche Aufwand: Für die jungen Plauener organisiert sie mit anderen ein Sommerfest - wieder in der Festhalle, diesmal mit Milchpulver, einer Köstlichkeit jener Tage. Und immer wieder hieß es in jenen Tagen und später "Hannel, das machst Du". Und so musste Hannel unter anderen auch entscheiden, wer von den aus Kzs Entlassenen als Verfolgter des Naziregimes anerkannt wird. Einfach? Von wegen. "Da waren auch einige schräge Vögel dabei, die nicht aus politischen Gründen saßen und nun den großen Max markieren wollten."

Irgendwann in diesem Jahr 1946, später als in anderen Städten Sachsens, wird auch die Volkssolidarität gegründet, klar gehört sie zu den Gründungsmitgliedern. Die Hannel macht wieder, verteilt zuerst in einem kleinen Kabuff an der Neundorfer Straße Lebensmittelkarten, hilft Alten, die ihre überlebenswichtigen Bezugsscheine verloren haben, zieht später ins Rathaus um. Dort gibt es statt Wasser und Heizung Mäuse. Jede Menge. Die haben auch damit zu tun, dass sie bis heute keine Zunge essen kann. Aber darüber sollen wir nicht schreiben. Auch nicht, dass sie in einem verlassenen Keller ein akribisch geführtes Buch fand mit den Namen aller Zwangssterilisierten in Plauen. Als sie es nach einigen Tagen wieder einsehen wollte, war es verschwunden. Bis heute.

 

Gebärdendolmetscherin

 

Sie ist dabei, als die ersten Wärmestuben eingerichtet werden, später die ersten Kinderheime.Irgendwann findet sie, die Volkssolidarität müsse die alten Menschen doch nicht nur betreuen, sondern ihnen auch ein Mittagessen anbieten können. "Und weil das meine Idee war, musste ich in Berlin einen Vortrag drüber halten und die fanden das gut."

Nachdem sie die erste Zeit ehrenamtlich treppauf, treppab unterwegs und ihr Organisationstalent fast schon legendär war, übernahm sie das Sachgebiet Soziales, wurde sozusagen Angestellte der Stadt. "Aktenfressen" war nie ihr Ding, sie fühlte sich, wie man heute sagen würde, an der Basis wohl. Ihr besondere Fürsorge galt Blinden, geistig Behinderten und Gehörlosen. Sie lernt die Gebärdensprache, wird eine gefragte "Dolmetscherin".

Ein gewisser Herr Golle aus Syrau habe in seinem Testament verfügt, jedes Jahr zu Weihnachten eine bestimmte Summe für die Gehörlosen zu verwenden. "Das hab ich dann auch bis 1990 so gehalten, aber dann hieß es, der Staat kümmert sich ausreichend um die Leute." Ob er das tut - Frau Zeidler schaut uns fragend an. Zwei Jahre über die Rente hinaus arbeitet sie im Rathaus im sozialen Bereich. Familie, Kinder? "Ach ja, mein Rudolf. Ich Bleede. 13 Jahre waren wir zusammen, aber ich hab immer gesagt, den heirat' ich net. Ich wollte nicht, dass der mich mal pflegen muss. Und dann stirbt der von einem Tag auf den anderen."

 

"Sind alle gut zu mir"

 

Verheiratet war sie nie. "Ich hab alle abgelehnt wegen meines Beines. Ich wollte nicht, dass die später mal sagen, das kannste net mehr und das net." Die Angehörigen sind verstorben, geblieben ist ein Patenkind. "Die rufen jeden Tag an, das sind meine Kinder, Sie glauben net, wie auch seine Frau an mir hängt. Und Weihnachten bringen sie mir wieder einen halben Hasen vorbei." Von früh bis abend habe sie zu tun. "Ich wüsste net, wer bös mit mir ist. Im Haus sind alle gut zu mir, besorgen den Einkauf, und wenn sie mal was Schriftliches brauchen, kommen sie zu mir." - Hannel, das machst Du.