"Das Böse ist immer und überall"

Es gibt sie noch, die bei Kaffeefahrten betrogenen Senioren. Doch die Bandbreite von Abzockern ist gewachsen und vor ihnen gefeit ist eigentlich niemand, weiß das Team von der Plauener Verbraucherzentrale.

Von Torsten Piontkowski

Plauen - "Das Böse ist immer und überall", behauptete einst die Erste Allgemeine Verunsicherung. Und verunsichert im harmlosen Fall, oft aber auch gehörig übers Ohr gehauen, sind in der Regel alle, die die Hilfe und Unterstützung der beiden Verbraucherschützerinnen in der Rädelstraße 2 telefonisch oder vor Ort in Anspruch nehmen. Knapp 8000 waren es allein im Vorjahr, bemüht die Leiterin der Einrichtung, Claudia Neumerkel, die jüngste Statistik. 1000 davon waren kostenpflichtige Beratungen, 120 könnte man der Kategorie "besonders aufwändig" zuordnen - hier wurden Verbraucherinteressen außergerichtlich vertreten, um kostenintensive Prozesse vor Gericht zu vermeiden. 
"Wie blöd kann man nur sein" kommentiert mancher Schlaumeier hin und wieder die "Erfolge" von Typen, die man früher als "Nepper, Schlepper, Bauernfänger" bezeichnete. Bis es ihn selbst trifft. Denn wenn Claudia Neumerkel eines mit Gewissheit sagen kann: Vor den dreisten und zunehmend raffinierter werdenden Maschen jener, die nur unser Bestes - also unser Geld wollen - ist niemand gefeit. Die Bandbreite der Abgezockten reicht über alle Altersgruppen und Bildungsschichten. Natürlich gibt es sie noch, die auf Kaffeefahrten Geprellten, daran konnten 25 Jahre Betrug mit der gleichen Masche offenbar nichts ändern. Mittlerweile spricht die Verbraucherschützerin aber auch von "Dauerbrennern", wenn sie über Telekommunikationsanbieter spricht.

Telekommunikation
Auch 2018 rissen die Beschwerden in Plauen über den Kabelnetzbetreiber PYUR nicht ab. Die Liste der Probleme ist lang, mit der die Marke der Tele Columbus AG Berlin die Plauener Verbraucherschützer auf Trab hält. Leistungen, wie im Vertrag versprochen, werden nicht erbracht, Rechnungen sind nicht nachvollziehbar beziehungsweise vollkommnen unverständlich, die Hardware mangelhaft, die eigene Erreichbarkeit von PYUR per Hotline eingestellt. Das Unternehmen locke die Kunden mit günstigen Preisen für die erste Zeit und räume für TV, Internet und Festnetz aus einer Hand satte Rabatte. Hilfe erhielten die Kunden in den Shops vor Ort keine, sondern wurden oftmals an die Hotline verwiesen, bei der sie - wenn sie sie erreichten - vertröstet wurden. Auf Mails, Briefe oder Fax wurde nicht reagiert. Für Hardware, die nach Reklamation oder Kündigung nachweislich zurückgeschickt wurde, wurde dennoch Geld verlangt.
Als beliebte Zielgruppe miesen Services gelten vor allem Senioren, aber auch Geflüchtete, die den Wust im Kleingedruckten kaum überblicken können. 
Bei einigen Beschwerden des ebenfalls in Plauen agierenden Unternehmens "Mobilblitz" hatten die Betroffenen sogar Strafanzeige bei der Polizei erstattet. Gründe dafür liegen in dem unbedarften Vertrauen der Kunden und der Provisionsgier einiger Vermittler.
Care Energy
Obwohl bereits 2017 Pleite gegangen, überziehen verschiedene Insolvenzverwalter bis heute eine Vielzahl an Kunden über Inkassounternehmen mit Nachforderungen. Und das, obwohl die Kunden in der Regel mehr an den Energieanbieter zahlten, als sie tatsächlich an Energie bezogen. Die wenigsten Rechnungen seien überprüfbar, sagt Claudia Neumerkel. "Die Mahnungen sind nicht überprüfbar. Die Kunden hatten die zu Grunde gelegten Schlussrechnungen nicht erhalten. Die Lage bleibt chaotisch."

Dating Portale
Für richtig Ärger sorgen immer wieder auch so genannte Dating Portale, derer es im Netz nur so wimmelt. Nur die wenigsten dürften wissen, dass "Elitepartner" und "Parship" ein und dieselbe Firma sind, wenngleich das nicht die Ursache der Probleme ist. In vielen Fällen ist die Preisgestaltung intransparent, um es vorsichtig auszudrücken. Wer beispielsweise fristgemäß kündigt, zahlt immer noch drei Viertel des jährlich fälligen Betrages von bis zu 600 Euro. Eine Pflicht zur Vermittlung besteht nicht, dagegen kann das Erstellen eines Persönlichkeitsprofils richtig ins Geld gehen, wie jüngst auch eine Dame aus Plauen erfahren musste. Gerade in diesem Bereich spiele auch der Schamfaktor eine gewisse Rolle, was sich wiederum Erpresser zunutze machen. Deren besonders beliebtes Tummelfeld ist das Inserieren erotischer Kontakte. Das Perfide: Nicht nur die tatsächlichen Anrufer bekommen keine "Leistung" geboten, 60 Prozent haben eine solche Nummer nie gewählt. Unter dem Vorwand, man könne ein Paket nicht zustellen, erschleichen sich die Anbieter Adressen und schicken dann per Inkassofirmen horrende Rechnungen an die Betroffenen. Neumerkel zeigt elf (geschwärzte) Mahnungen, die einen Mann an einem einzigen Tag von Prager Inkassofirmen ins Hau flatterten, "Stückpreis" 188, in einem Fall 288 Euro. Abgesehen davon, dass derlei Schreiben dem Eheleben nicht gerade förderlich sind, empfiehlt die Verbraucherschützerin zwei Möglichkeiten: Entweder ab in den Papierkorb mit derlei Mahnungen oder die Polizei informieren. Das Problem: Derartige Unternehmen firmieren fast wöchentlich unter neuen Namen. 

Prämiensparverträge
Eine gehörige Portion Arbeit bescherten den Plauener Verbraucherschützerinnen auch die Kündigung eigentlich lukrativer Sparverträge durch die Sparkasse Vogtland. Betroffen waren 2300 langjährige Kunden, die auf eine langfristige Sparanlage gehofft hatten und deren Verträge teilweise vor Jahrzehnten abgeschlossen wurden - immerhin mit der Aussicht auf Prämien bis zu 50 Prozent. Zwar bot die Sparkasse mit der Einrichtung eines Sparbuches mit 1,1 Prozent Festverzinsung Alternativen an, doch die Betroffenen reagierten weitgehend mit Unmut. Zumal nach 2019 lediglich ein "normales" Sparbuch mit einer Zinsrate von 0,001 Prozent gelten würde. 250 Sparer, so Neumerkel, wandten sich an die Plauener Beratungsstelle. Ein Thema, das noch lange nicht vom Tisch sein dürfte. 

Zinsanpassung
Ein sachsenweites Thema, das seit wenigen Wochen die Gemüter bewegt, sind zudem die so genannten variablen Zinsanpassungen der Sparkassen. Nachberechnungen ergaben bis zu vierstellige Differenzbeträge. Viele Bürger wollen schlicht wissen, wie hoch der Betrag ihnen nicht ausgezahlter Zinsen ist, fasst Neumerkel das Anliegen von bislang 120 Ratsuchenden in Plauen zusammen. Denn um dies zu berechnen, brauche es einen Kreditsachverständigen, "das schafft kaum jemand allein", ist sich die Verbraucherschützerin sicher. Immerhin geht es um "richtig" Geld, bis zu 3000 Euro über die Jahre hinweg, Neumerkel kennt aber auch einen Fall, bei dem bis zu 12 000 Euro im Raum stehen. Immerhin: Die Sparkasse Vogtland erbat sich Zeit zum Prüfen. "Das klingt hoffnungsvoll und vielleicht ist die hiesige Sparkasse sachsenweit die erste, die einen Schritt auf die Kunden zugeht", ist Neumerkel optimistisch.

Negativpreis "Prellbock"
In der Filmbranche wird die Goldene Himbeere an den schlechtesten Streifen des Jahres verliehen. Die sächsischen Verbraucher haben sei 2013 die Möglichkeit, den "Prellbock" an besonders üble Abzocker, Blender und Service-Nieten zu vergeben. Übrigens waren die Sparkasse Zwickau und die Erzgebirgssparkasse 2017 die "Sieger" des im Zweijahresrhythmus vergebenen Preises. Die diesjährige Abstimmung läuft bis 31. Oktober, danach kürt eine Jury den diesjährigen "Prellbock". Die Gefahr, dass sich jemand grundlos gegen ein Unternehmen "verbündet" besteht übrigens nicht. Die Vorschläge werden von einem Justitiar gecheckt, sagt Frau Neumerkel.
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