"Dantons Tod" feiert im Vogtlandtheater Premiere

"Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!", schreibt Georg Büchner an seine Braut, geschüttelt vom Ekel "vor dem grässlichen Fatalismus der Geschichte". "Dantons Tod", Büchners Revolutions-Drama hatte am Freitag Premiere im Großen Haus des Theaters Plauen, im Kontext der Angebote "20 Jahre Mauerfall".

Die Französische Revolution liegt zu Beginn des Dramas bereits in Agonie. Deren Held, Danton, ist gepackt von Resignation, vom Widerwillen gegen das Leid und den Handlungszwang der Menschen, deren Dasein unlösbar mit dem Erleiden und zufügen von Schmerzen verbunden ist, von der Erkenntnis, dass "Nichts" übrig bleibt. Seine Fragen, wie viele Morde an potenziellen Feinden sind legitim, um ein System zu verändern, wie viel Zeit darf ein solcher Prozess in Anspruch nehmen, bleiben unbeantwortet und lassen ihn verzweifeln.

"Die Welt ist das Chaos ...", ist sein Fazit und Robespierre, der radikale Jakobiner und Gegenspieler Dantons, wird ihn, den vom Sockel gestürzten Egomanen und seine Mitstreiter zum Schafott bringen und - "Vive le Roi!" - wieder eine Diktatur wird der Revolution folgen. Mühelos sind die Parallelen auf die Geschehnisse der 1989er Revolution in Deutschland zu projizieren: Ist Politik vom Volk beeinflussbar und was geschieht wirklich hinter der Fassade von markigen Sprüchen, voluminösen Versprechungen und sich gegenseitig diffamierenden Parteivertretern?

Danton (überwältigend: Jan Baake) geht nicht an der Revolution zugrunde, nicht an Intrigen der Gegenspieler, nicht an Robespierre (mit hervorragenden, subtil nuancierten Monologen: Saro Emirze), dem blutigen, zynischen Moralisten ohne Herzensbildung, er zerbricht an seinen eigenen, nicht erfüllten Vorstellungen, wie die Welt zu sein hat und nicht ist, am Überdruss, der ihn letzten Endes mit wenigen seiner Getreuen an mörderische Ideologen ausliefert. Die Inszenierung von Matthias Thieme bohrt sich gleich einem scharfen Pfeil in Herz und Hirn. Sie hat den Mut zur Nacktheit, zur Hässlichkeit, zum Unappetitlichen, zum Exzess ohne Effekthascherei, sie gibt dem Begriff "Verismo" ihre ganz eigene Bedeutung.

Die leere Bühne (Philipp Kiefer), ein technischer Raum, wird beherrscht von der revolutionären Dreieinigkeit, die zur französischen Erkennung wurde: Liberté, Egalité, Fraternité, eine riesige Flagge, die sich als universales Symbol anpasst an Szenen bedingte Bedürfnisse. Mehrer Fässer, mächtig geschlagen als Trommeln, widerspiegeln die nachdrückliche, unüberhörbare Stimme des Volkes, ein verglaster Käfig suggeriert das Ausgeliefertsein der Abtrünnigen und erinnert fatal an grausige KZ-Praktiken.

Die Kostüme von Claudia Charlotte Burchard zeigen die noch in den Köpfen herrschende Gesinnungsambivalenz: Einerseits der aristokratische Mantel, andererseits die pöbelhaft demonstrative Verachtung jeglicher Äußerlichkeiten, die sich in Unterbekleidung voller Straßenschmutz zeigt. Frenetischer Applaus ohne Ende für ein starkes, wortgewaltiges Stück, gespielt von hemmungslosen, fabelhaften Akteuren. Ingrid Schenke