Damals: Zivilcourage in Weißensand

Zwei jüdischen Frauen eines Todesmarsches aus dem Konzentrationslager Groß-Rosen gelang mit Hilfe von Einheimischen in den letzten Kriegswochen die Flucht. Eine Vogtländerin half dabei.

Weißensand/Lengenfeld - Unter SS-Bewachung schleppten sich in den Abendstunden des 25. Februar 1945 noch 845 ausgemergelte jüdische Frauen von der Autobahnbrücke über die Göltzsch kommend, nach Weißensand. Der Elendszug kam aus dem vor der Roten Armee evakuierten Außenlager Christianstadt des schlesischen Konzentrationslager (KZ) Groß-Rosen.

Ohne ausreichende Verpflegung und in mangelhafter Kleidung waren 1200 Frauen vier Wochen vorher in Marsch gesetzt worden. Ihr Weg führte über Bad Muskau-Weißwasser-Bautzen-Dresden-Chemnitz und Lichtentanne nach Weißensand. Ihr Endziel sollte vermutlich das KZ Dachau sein. In einer Scheune des Rittergutes Weißensand wurde der Häftlingszug nach seiner Ankunft für die kommenden Tage untergebracht. Neun der Frauen erlagen zwischen dem 25. und 27. Februar den Strapazen und wurden beim Vogelwinkel am Weg zur "Pappenstampf" begraben.

Im Herbst des Jahres 1945 fanden die Frauen, deren Namen und Herkunft unbekannt ist, mit der Umbettung ihre Ruhestätte auf dem Friedhof in Treuen. Zwei jüdischen Frauen, der Polin Sonja Bulaty und der Tschechin Bella Finkensteinovà, gelang in Weißensand die Flucht. Der französische Kriegsgefangene Andrè und der polnischer Zwangsarbeiter Józef - von beiden sind nur die Vornamen bekannt - halfen den beiden Jüdinnen, sich unter Heu in der Rittergutsscheune zu verstecken.

Nach Tagen weihten sie Gretl Blechschmidt ein und baten um Hilfe. Die Weißensanderin überlegte nicht lange und versteckte die Frauen nach Abmarsch der anderen Häftlinge in ihrer Wohnung und versorgte sie mit Lebensmitteln und Kleidung. In Weißensand konnten die Frauen nicht bleiben, die Gefahr der Entdeckung war zu groß. Unter der Legende, sie seien polnische Fremdarbeiterinnen, die auf einem ostpreußischen Gut gedient hätten und mit der Gutsbesitzerfamilie vor der anrückenden Roten Armee geflohen seien, die sie in den Dresdner Bombennächten verloren hätten, meldeten sie sich in einem Zwickauer Flüchtlingsheim und erlebten unerkannt das Kriegsende.

"Wäre ihr Unterfangen entdeckt und verraten worden, hätten die Beteiligten mit der Todesstrafe rechnen müssen", ist sich der Lengenfelder Ortschronist Friedrich Machold sicher. Zu Ehren der Opfer und der mutigen Helfer aus Weißensand wurde vor einigen Jahren eine Gedenktafel im Ortszentrum errichtet. Die heute etwas verwitterte Inschrift lautet:

Auf dem Todesmarsch

jüdischer KZ-Häftlinge starben in Weißensand neun Frauen.

Dank der mutigen Tat

beherzter Menschen gelang der Polin Sonja Bulaty und der Tschechin Bella Finkensteinovà

die Flucht.

Bella Finkensteinovà ist nach Kriegsende in ihre Heimat nach Prag zurückgekehrt, während ihre polnische Freundin Sonja ihr Glück in den USA suchte. Vom Schicksal ihrer Helfer Andre und Józef ist auch Friedrich Machold nichts bekannt. Auguste Lazar setzte mit ihrem Buch "Die Brücke von Weißensand", erschienen 1965 im Kinderbuchverlag Berlin, dieser mutigen Tat ein bleibendes Andenken. mm