Chefin geht - und bleibt doch

Sieben Jahre leitet Waltraud Klarner die Plauener Tafel. Morgen wird sie in den Ruhestand verabschiedet, doch ans Aufhören denkt die 63-Jährige noch nicht.

Von Marjon Thümmel

Plauen - "Ich geh' in den Unruhestand", lacht die Oelsnitzerin, die vor 19 Jahren selbst arbeitslos durch eine Arbeitsbeschäftigungsmaßnahme (ABM) zur Arbeitsloseninitiative Pausa kam und so den ersten Kontakt zur Plauener Tafel hatte. "Zunächst hatte ich die Sozialberatung übernommen und nebenher die Außenstellen der Tafel in Oelsnitz, Markneukirchen und Auerbach mit aufgebaut. 2012 dann bekam ich das Angebot als Teamleiterin der Plauener Tafel mit ihren mittlerweile neun Außenstellen zu arbeiten", erzählt sie. Doch Waltraud Klarner ist auch kommunalpolitisch aktiv, als Linke im Stadtrat Oelsnitz und im Kreistag. Für beide kandidiert sie auch wieder. "Als ich 1991 als Nachrücker in den Kreistag kam und 1994 in den Oelsnitzer Stadtrat gewählt wurde, waren meine drei Töchter, die ich allein großzog, noch in der Schule. Jetzt sind sie groß und so bleibt mir auch mehr Zeit für Stadt- und Kreistag", sagt sie und erzählt von ihren sechs Enkeln im Alter zwischen neun Monaten und 17 Jahren. 
 Von Beruf ist die Oelsnitzerin, die in Adorf aufgewachsen ist, Diplomingenieur für Landwirtschaft. "Nach der 10. Klasse habe ich am Volksgut in Chemnitz Agrotechniker gelernt. Anschließend bin ich zurück nach Adorf und habe bis 1982 in der dortigen LPG gearbeitet und ein Fernstudium zum Diplomingenieur Landwirtschaft absolviert. Anschließend war ich Lehrausbilder in der LPG Oelsnitz und ihrem Nachfolgebetrieb bis 2000. Naja, dann folgte eine kurze Arbeitslosigkeit und dann der Start bei der Plauener Tafel", schildert sie ihren Werdegang. 
 Ihren Sitz hat die Plauener Tafel an der Schlossstraße. Im Haus gibt es auch eine Kleiderkammer und eine Küche samt Tagestreff, wo Jung und Alt zusammenkommen und günstig essen können. 60 Frauen und Männer arbeiten hier, zum Teil über Förderprogramme, als 1-Euro-Jobber, als Ehrenamtler und im Bundesfreiwilligendienst. "Die Plauener Tafel nutzen wöchentlich 500 bis 600 Menschen, zunehmend sind es ältere, deren Rente nicht zum Leben reicht. Die Suppenküche hat täglich etwa 100 Leute", sagt Waltraud Klarner. "Die Tafel ist aus der Not geboren und es wäre schön, wenn es sie nicht geben müsste. Aber bis sich dieser Traum von sozialer Gerechtigkeit erfüllt, sind wir über jeder Unterstützung froh und dankbar. Und die bekommen wir von über 100 Lebensmittelmärkten und Bäckereien", lobt sie. "Allerdings, wenn wir die Ware nicht nutzen würde, würde sie weggeschmissen", fügt sie mit Wehmut hinzu. Die vier eigenen Kühlautos, so sagt sie, holen zwischen 7.15 Uhr und 13 Uhr die Ware ab und bringen sie in die Schlossstraße. Dort werde zum einen das Obst und Gemüse geputzt und sortiert. Zum anderen werden die Lebensmittel nach Haltbarkeitsdauer gelagert oder gleich in die Abholkisten gepackt. Auch die Küche werde versorgt. Jeder Haushalt, der eine Berechtigungskarte vorlegen kann, bekommt für vier Euro eine Kiste Lebensmittel und eine Kiste Obst und Gemüse. Große Familien auch die doppelte Anzahl. Zwei Mal in der Woche könnten die Bedürftigen Ware von der Tafel bekommen. 
 Waltraud Klarner freut sich über die enge Zusammenarbeit mit der Tafel in Hof. ,,Wir wollen ja von den gespendeten waren nichts umkommen lassen. Manchmal haben wir von einem Sortiment einfach zu viel und geben es gerne ab. Von Hof wiederum bekommen wir Wurstwaren", sagt sie. Noch längerfristig Haltbares wird auch zum Depot des Landesverbandes der Tafeln in Dresden gebracht. Von dort wiederum wird auch Plauen bei Engpässen versorgt. 
 Zu den neun Außenstellen in Markneukirchen, Rodewisch, Weischlitz, Oelsnitz, Bergen, Auerbach, Pausa, Elsterberg und Mühltroff soll perspektivisch auch eine weitere in Plauen im Markuskeller dazu kommen. "Schon jetzt teilen wir ein Mal in der Woche dort Lebensmittel aus", sagt die noch Tafel-Chefin. 
 Am Mittwoch wird sie verabschiedet. Ihre Nachfolgerin Jana Morawetz, die aus Pausa stammt, arbeitet schon über ein Jahr mit ihr zusammen. "Und ich bin ja auch nicht aus der Welt. Ich werde noch zwei Tage in der Woche arbeiten und auch die Urlaubsvertretung übernehmen", lacht Waltraud Klarner. 
 Der große Norwegen-Fans, der seit 1996 schon mehr als 15. Mal das skandinavische Land besucht und viel darüber gelesen hat, spart seit drei Jahren auf eine Seefahrt mit den Hurtigruten. "Zum 60. Geburtstag habe ich den Grundstock legen können.Vielleicht habe ich in zwei Jahren das Geld zusammen und dann kann ich mir meinen Traum erfüllen."