Chef der Rodewischer Sternwarte geht in Ruhestand

Sterne kommen und gehen. Kometen zischen vorbei. Sternschnuppen leuchten. Mond und Sonne gehen auf und unter. Am Himmel ist immer Bewegung wie auch im Leben derer, die die Gestirne beobachten. Nach 30 Jahren Dienst in der Sternwarte Rodewisch geht dessen Leiter Jochen Engelmann nun in Ruhestand.

Rodewisch - Jochen Engelmann ist beim Ausräumen. Nix soll liegen bleiben auf dem Schreibtisch, an dem in einigen Tagen sein Kollege und nun auch Nachfolger, Olaf Graf, sitzen wird. In Kartons gepackt sind schon all die Aufnahmen, die Engelmann von Mond- und Sonnenfinsternissen, von Sternen und Kometen all die Jahre gemacht hat.

"Ein tolles Objekt", sagt der 63-Jährige und zeigt begeistert auf den gut sichtbaren Kometenschweif aus Staub und Plasma. Der Hale-Bopp, der 1997 vier Wochen am Himmel mit bloßem Auge sichtbar war, sei eine große Sternstunde in seinem astronomischen Berufsleben gewesen - wie auch der Venustransit. Und natürlich die Sonnenfinsternisse 1999 in Ungarn, 2005 eine ringförmige in Spanien und die von 2003, 2011 und 2015, beobachtet vom Plateau der Sternwarte in Rodewisch.

"Die Finsternis am 31. Mai 2003 war am frühen Morgen. Wir haben zu einem Finsternisfrühstück eingeladen. Die 200 Leute, die kamen, waren begeistert", erinnert sich der Sternwartenleiter gern. Zur Sofi im Januar 2011 war es bitterkalt, und die im vorigen Jahr, deretwegen Engelmann extra in die USA fliegen wollte, vollzog ihr Schauspiel letztlich ohne den Rodewischer. "Air Berlin war schuld. Der Flieger blieb am Boden und ich auch", bedauert er.

Und dann sind da die Kometen, für die Engelmann eine besondere Leidenschaft hegt. Weil ihr Erscheinen unvorhersehbar sei, sie immer für eine Überraschung gut seien und man nie wisse, was am Ende heraus komme, dafür liebe er diese "Vagabunden des Alls". Die Passion für Gestirne, Teleskope und Raumfahrt begann, als er 13 Jahre alt war. Der damalige Sternwarten-Mitarbeiter und spätere Leiter Diethard Ruhnow warb in den Klassen der Rodewischer Pestalozzi-Schule für seine Arbeitsgemeinschaft Astronomie.

Es waren die 1960er Jahre, in denen die Jugend davon träumte, wie Juri Gagarin ins All zu fliegen und wie Neil Armstrong den Mond zu betreten. Jahre zuvor, 1957, gerieten die Rodewischer Pesta-Schüler in die Astro-Schlagzeilen, weil sie als erste Sputnik 1 sahen. In der Astro-AG war Engelmann Schüler der ersten Stunde. Als Astro-Eleve hielt er Vorträge und half beim Vermessen von Bahnen der Erdsatelliten, Daten, welche die Schulsternwarte damals an den Astronomischen Rat der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und an das Nasa-Rechenzentrum lieferte.

Nach Abi und Lehrerstudium (Mathe/Chemie) unterrichtete Jochen Engelmann an der Oberschule in Morgenröthe-Rautenkranz. Ein Jahr später reiste Sigmund Jähn ins All und Engelmann sah den raumfahrenden Rautenkranzer erstmals, wie er durch sein Heimatdorf fuhr und die Dorfleute diesen hoch leben ließen. "Ein umgänglicher, feiner Typ", sagt Engelmann über Jähn, nach dem die Rodewischer Sternwarte 1980 benannt wurde - und der seitdem viele Male dort zu Gast war.

Elf Jahre war Engelmann Lehrer. 1988 wechselte er als Mitarbeiter an die Sternwarte, die er ab 2003 auch leitete. Schüler in Astro unterrichten, Astro-AG leiten, Vorträge fürs Planetarium ausarbeiten und halten, Gestirne beobachten, Gäste zu Beobachtungsabenden betreuen und immer eine erklärende Antwort auf die astronomischen Fragen der Leute parat haben: Alltag für Jochen Engelmann. Oft habe der Telefondraht geglüht, wenn die Leute ein vermeintliches Ufo am Himmel gesehen haben wollten, einen Kometenzusammenstoß mit der Erde befürchteten oder ein Supermond angesagt waren.

"Ich habe die Leute immer ernst genommen, auch wenn mir klar war, dass sich hinter einer Ufo-Landung eine irdische Erklärung, wie ein angestrahlter Ballon, verbergen musste", sagt Engelmann lächelnd. Als Naturwissenschaftler ist Engelmann freilich Realist - der Faszination von etwas Mystik jedoch nicht abgeneigt. Angetan haben es ihm die Steinkreise in England und Schottland, von denen es neben Stonehenge rund 800 gibt.

An seinem ersten Ruhestandstag, Ostermontag, wird er mit seiner Ehefrau eines dieser Phänomene in Schottland bereisen. "Über Steinkreisen sind die Wetterverhältnisse oft eigenartig. Es scheint einen besonderen Kontakt zum Himmel zu geben", hat Engelmann beobachtet.

Als ehrenamtlicher Mitarbeiter wird Jochen Engelmann der Sternwarte erhalten bleiben. Endlich habe er Zeit, um eine Ausstellung im Haus zu gestalten, neue Vorträge für die Fulldome-Anlage auszuarbeiten und zu halten. Auf seine Stimme "Ich nehme Sie mit auf eine Reise durch unser Sonnensystem" wird man auch künftig nicht verzichten müssen. Cornelia Henze