Chanxons - deutsch ver-sungen

Plauen - "Ich atme die Welt ein und als Lied wieder aus." So lautet eine Textzeile des 2004er Album "Insel Sein", für den "die Thalheim" (wie sie von sich selbst zu reden pflegt) den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielt. Ein schönes Bild, das Leben und Tun der 1948 in Leipzig Geborenen beschreibt.

 

Und in Brecht?schem abgewandelten Sinne wird die bekennende links-intellektuelle Künstlerin zu ihrem Publikum konkret: Nein! Sie will keine Insel sein, an der kein Boot festmacht! Sie sagt: "Ich will eine Insel sein, komm, mach dein Boot an mir fest." Geht es doch in ihren Liedern darum, für andere da zu sein, gebraucht zu werden. Nie verlernt, die Welt mit kritischen Augen zu sehen, schenkt eine der großen Lied- und Chansonfrauen Deutschlands nach wie vor ihren Zuhörern genau aus dieser Perspektive nachdenkliche Lieder.

Das begann zu Zeiten von Karls Enkel, Lokomotive Kreuzberg, Gerulf Pannach, Ton Steine Scherben, Rio Reiser oder Spliff - Namen der bewegten 70er und 80er Jahre, die mit ihren politisierten Texten für eben diese Bewegung sorgten. Sicher unvergessen solche Thalheim-Titel wie "Sehnsucht nach der Schönhauser", "Als ich Vierzehn war", "Was fang ich mit mir an", "Drachenlied" oder "Und keiner sagt: ich liebe dich". Seit gut eineinhalb Jahrzehnten hat es ihr Paris angetan, die französische Chanson-Szene speziell.

Damals, 1993, als sie den französischen Komponisten und Akkordeonisten Jean Pacalet kennen lernte, verstand sie kein einziges Wort Französisch und war doch euphorisiert: "Ich buk mir die Inhalte passend zu meiner Seelenlage. Kein Geld, aber in Paris, wo nichts geht ohne Geld. Kein Wort Französisch, die Freunde weit, fernab von guten Gesprächen. Isolationssüchtig und isolationsgeschädigt geriet ich in eine fremde akustische Welt von Melankomikern, Poeten, Sarkasten, Alltagsphilosophen...", erinnert sie sich in einem Interview.

 

Seit 2001 hat sie ihre besten Lieder ins Französische übertragen. Nun kommt die Retourkutsche namens "herzverloren - Französische Chanxons, deutsch ver-sungen". Dabei werden hierzulande wenig(er) bekannte Sänger und Sängerinnen wie Renaud, Michèle Bernard, Gilbert Laffaille, Juliette Noureddine, Allain Leprest, Maxime le Forestier vorgestellt, erobern in teils eigenen deutschen Nachdichtungen die Herzen des Publikums.

 

Dabei ergeht es den Meisten wie der Thalheim damals selber: Es ist auch ohne Sprachkenntnisse zu spüren, worum es geht - um Liebe und Hass, Geburt und Tod, um Kriege, Hoffnung, Ansichten und Weitsichten, es geht um die Welt, nicht nur aus französischer Perspektive. "Ich mag die Frauen nicht", "Der Dollarkurs ist mir egal", "Der Opportunist" sind einige Lieder, die aller Welts Alltagsgeschichten erzählen.

 

Eigentlich gab die kämpferische und poetische Stimme 1995 bekannt, nicht mehr auftreten zu wollen. Doch nach schwerer Erkrankung kam es 1999 zum "Rücktritt vom Rücktritt". Unterstützt wird Barbara Thalheim heute Abend ab 19.30 Uhr im König-Albert-Theater von ihrer phantastischen Band. uhe