"Brücke" ebnet Weg - mit Hindernissen

Plauen - Die übergroße Mehrheit der jugendlichen Straftäter von 14 bis 21 Jahre sind Jungs oder junge Männer - dem stehen aber beim Betreuungsverein Brücke ausschließlich Frauen als Sozialpädagogen gegenüber. "Mir wäre der eine oder andere Mann lieber", betont Vereins-Geschäftsführerin Ulrike Marquardt im Gespräch mit unserer Zeitung.

 

Doch die Studienrichtung Sozialpädagogik sei zum einen mit bis zu fünf Jahren sehr lang und würde zum anderen auch schlecht bezahlt. "Das ist für Männer uninteressant", behauptet Nicole Horlbeck, eine von den angesprochenen diplomierten Sozialpädagoginnen, die auf den Beobachter einen couragierten Eindruck macht und sicherlich auch dem widerspenstigsten, zu betreuenden Jugendlichen erfolgreich entgegentreten kann. ?????? Entschiedenheit ??????

Solch ein entschiedenes Auftreten erscheint nötig, nicht zuletzt weil die Zahl der straffällig gewordenen Jugendlichen im Vogtland kein Pappenstiel ist. Der in der gesamten Region tätige Verein ist neben der sozialpädagogischen Familienhilfe auch in der Jugendgerichtshilfe für Täter ab 14 Jahre im Einsatz. Beide Aufgaben sind Pflichtaufgaben der Kommune, und werden von dieser mitfinanziert, ebenso erhält der Verein auch Bußgelder, die vom Gericht ausgesprochen wurden - wir berichteten.

Im letzten Jahr betreuten die Brücke-Mitarbeiter 517 jugendliche Straftäter von 14 bis 21 Jahre, davon kommen 290 aus der Spitzenstadt. "Tendenz steigend", wie Frau Horlbeck beim Blick in die Unterlagen bestätigt. So mussten 17 445 vom Gericht festgelegte Stunden gemeinnütziger Arbeit abgesichert und deren Ableisten kontrolliert werden. Auch dieser Wert habe sich erhöht.

Anlaufpartner bei dieser gemeinnützigen Arbeit seien dabei beispielsweise die Plauener Jugendherberge, das Tierheim, in den Frühlings- und Sommermonaten die Freibäder und eine Jugendwerkstatt des Brücke-Vereins selbst. Dort müssten die Jugendlichen unter fachkundiger Leitung zweier Männer, der einzigen Vertreter des vermeintlich starken Geschlechts im Einsatz des Vereins, defekte Fahrräder wieder reparieren. Letzteres habe sich als großer Erfolg entpuppt, informiert Frau Marquardt. ?????? Strafstunden ??????

Derzeit müssten in der Werkstatt zwölf straffällig gewordene Jugendliche ihre vom Gericht aufgebrummten Strafstunden ableisten. Sinnvoll ableisten, wie die Brücke-Geschäftsführerin ergänzt. Das Ganze geschieht zweischichtig aufgrund des Platzmangels im Keller des Jugendrings im Chrieschwitzer Hang. Die reparierten Räder erhalten dann Benachteiligte beispielsweise in Abstimmung mit der Arge.

Die Fahrradwerkstatt wurde vor rund 15 Jahren über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme aufgebaut, doch seit einiger Zeit finanziert die Arbeitsagentur das Projekt nicht mehr. Aber dank des Kommunalen Kombilohns können die beiden Betreuer, ein Techniker und ein Pädagoge, weiter beschäftigt werden.

Ein weiteres Aufgabengebiet ist der Täter-Opfer-Ausgleich. Der werde vor allem bei Streitigkeiten unter Jugendlichen angewendet, wenn beispielsweise das Ganze seinen Ausgangspunkt in einem Streit auf dem Schulhof hatte. Generell sei klar: "Wir kriegen jene Jugendliche zur Betreuung, die vorher durch die Mühlen von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht gegangen sind. Erst dann kommen wir zum Einsatz", so Ulrike Marquardt. Wenn auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen in der Region immer mehr sinkt, kann das für die straffällig Gewordenen in dieser Altersgruppe nicht in dem Maße gesagt werden. Erschwerend kommt hinzu: "Früher hatte ein von uns zu betreuender Jugendlicher ein Problem, jetzt hat er gleich ein Bündel solcher Probleme im Rucksack". Das erschwere die Arbeit der Betreuer. Was natürlich auch ein Spiegelbild der gesamtgesellschaftlichen Probleme sei. ?????? Fülle von Problemen ??????

Trinken bis zum Umfallen, das so genannte Flatrate-Saufen, kein Geld, da auch die Großeltern nichts mehr zuschießen können und die Eltern, die beispielsweise nur Hartz IV bekämen, keinen Arbeitsplatz, aber auch Drogen - ein solche Fülle an Problemen bei einem einzigen straffälligen Jugendlichen sei keine Seltenheit. Waren früher nur drei Mitarbeiter für die Brücke im Einsatz, seien es jetzt die bereits erwähnten 13 Personen, vor allem Frauen. Mit der Kreisreform hat sich auch das territoriale Aufgabengebiet erweitert von Plauen auf den gesamten Vogtlandkreis. ?????? Regis-Breitingen ??????

Des Weiteren hätten sie auch jugendliche Straftäter in den Gefängnissen zu betreuen. Mit dem Dichtmachen des Plaueners Knasts ergaben sich für die Brücke-Betreuer längere Wege. Sie müssten ihr Klientel in den Gefängnissen Regis-Breitingen, Zwickau und Chemnitz besuchen. Derzeit seien das elf junge Menschen, darunter lediglich ein Mädchen, ist von der Sozialpädagogin Nicole Horlbeck zu erfahren.

Abschließend wird klar: Ohne ein so gut funktionierendes Netzwerk im Vogtland aus Verwaltung, Polizei, Justiz, aber auch Anbietern von Arbeitsstellen zum Ableisten gemeinnütziger Tätigkeit sei eine solche Herkulesaufgabe nicht zu bewältigen.

"Einen Dank von unseren jungen Leuten hab ich bisher nicht gehört. Wir hören erst dann wieder von ihnen, wenn sie erneut mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind", ergänzt die Vereinsvorsitzende, die den Brücke-Verein kurz nach der Wende mit aus der Taufe gehoben hatte.  Bert Walther