"Branche wurde von Politik vergessen"

Vor fast genau einem Jahr unterhielten wir uns mit vier Vogtländern, die in der Region und darüber hinaus gut bekannt sind. Sie alle eint, dass sie im künstlerischen beziehungsweise Eventbereich tätig sind und denen damals die gerade begonnene Pandemie einen dicken Strich durch viele berufliche Pläne zog. Wie geht es ihnen heute?

Von Torsten Piontkowski

Plauen "Wir Selbstständigen sind es gewohnt uns durchzuboxen und neue Herausforderungen anzunehmen", sagt Steffen Krebs, der seine Brötchen zum einen mit der technischen Ausrüstung von Veranstaltungen, zum anderen mit seinem Musikmarkt in der Trockentalstraße verdient. Doch gerade das tut er seit über einem Jahr nicht mehr - damit Brötchen verdienen. "Die letzten Veranstaltungen haben wir im Februar 2020 betreut." Er denke positiv und und gebe die Hoffnung nicht auf, sagte er vor Jahresfrist.
Daran habe sich im Wesentlichen nichts geändert - allein, die Hoffnung werde von Woche zu Woche gedämpft. Zwar stünden die Bands, mit denen er zusammenarbeite in den Startlöchern, "die haben die tollsten Titel drauf und warten, dass es bald losgeht."

Was ihm über das Jahr half?‘ "Wir sind seit 1990 am Markt, da hat man kleine Rücklagen gebildet. Meine drei Mitarbeiter bekommen Kurzarbeitergeld, der Chef bekommt nichts", macht sich ein klein wenig Zynismus in seiner Stimme bemerkbar. Gleich im März vorigen Jahres habe er für sein Unternehmen Soforthilfe beantragt und auch mit der Auszahlung sei es recht schnell gegangen. Die sogenannte Soforthilfe II war dann schon so kompliziert, dass er sein Steuerbüro beauftragen musste. Und auch die zu erwartende Summe werde wohl überschaubar sein, macht sich Krebs wenig Ilusionen. Bekanntlich resultiert die Berechnung auf den Monaten November/Dezember des Vorjahres - das wiederum sind naturgemäß nicht die umsatzintensivsten im Eventbereich. Schon im Frühjahr vorigen Jahres habe er einige Fahrzeuge abgemeldet, einige auch verkauft, um laufende Kosten zu sparen. "Eigentlich müsste ich in neue Dinge investieren, aber das ist momentan kaum drin‘", sagt der Chef, dem es wichtig ist zu ergänzen, dass man nicht untätig gewesen sei. "Wir haben viel gemacht, aber nichts verdient", sagt er mit Blick auf die Wartung der Instrumente. Und eins können Sie mir glauben: "Ich arbeite lieber rund um die Uhr, als dass ich Almosen empfangen muss."
Die Laufschuhe regelmäßig anzuziehen, war für Nico Müller oft nicht möglich - zu groß die Gefahr, sich bei miesem Wetter zu erkälten und damit der Stimme zu schaden. "Im vergangenen Jahr bin ich viel öfter gelaufen als sonst", sagt der bundesweit bekannte Bariton, der mit "Adoro" Welterfolge feierte. "Sängerisch habe ich fast nichts gemacht - von zwei Konzerten im Sommer mal abgesehen und ein paar kleineren Geschichten mit Philharmonic Rock. Aber davon kann man natürlich nicht leben, weil es ja keine zahlenden Gäste gab."


Was Nico Müller finanziell über Wasser hielt, bezeichnet er als sein zweites Standbein: Die Arbeit als Gesangsdozent. Zwar ersetzen die virtuellen Möglichkeiten auch hier nicht den Live-Unterricht, aber aufgrund des Wechselunterrichts-Modells in Bayern - der Sänger unterrichtet an der Berufsfachschule für Musik in Sulzbach-Rosenberg - bekam er seine Schüler doch hin und wieder "zu Gesicht". Unter Menschen zu sein sei ihm wichtig. "Ich war früher sieben Tage die Woche unterwegs, das war mit Ausbruch der Pandemie ein Absturz von 100 auf Null. Da muss man sich erst dran gewöhnen, das hat auch psychische Folgen." Nein, von den Überbrückungshilfen habe er nicht profitiert, sagt der Dozent im öffentlichen Dienst. Deshalb habe er auch einen Teil seiner Altersvorsorge aufgezehrt, fügt er an, wohl wissend, dass es viele Berufskollegen noch härter erwischt hat. "Ich kenne etliche, die sich beruflich umorientieren mussten." Ein Großteil seiner abgesagten Konzerte sei nur verschoben wurden - die Liederabende, die Weihnachtskonzerte. Auf eine Perspektive, wieder live agieren zu können, hofft er ab Herbst. "Viele Projekte befinden sich in den Startlöchern, ich habe zu Hause Notenstapel, arrangiere auch ein bisschen am Computer." Doch trotz allen Optimismus‘: "Ich habe das Gefühl, unsere gesamte Branche wurde von der Politik vergessen."


Auf dem Herd steht ein großer Topf Spaghetti und ‚Aschenputtel‘ wartet darauf, vorgelesen zu werden. Lockdown-Normalität im Hause von Jörg Simmat. Er nennt es Ferienspiele für die vier Enkel. Das I-Phone der Großen hat eine Macke, die soll am Nachmittag behoben werden. Wenn der freiberufliche Schauspieler und Mann mit gefühlt weiteren einem Dutzend künstlerischen Begabungen auf das vergangene Jahr zurückblickt, dann spricht er von einem Jahr "Berufsverbot". Von Enttäuschung oder gar Wut keine Spur.. "Ich habe vom Ersparten gelebt und etwas getan, was ich mir sonst nie getraut hätte: ein Sabbatical-Jahr." Sogar für einen Urlaub mit der Familie auf einem Campingplatz an der Ostsee habe es gereicht. 
Bereits vor elf Jahren, nach dem Ende seiner Festanstellung am hiesigen Theater, habe er sich neu "erfinden" müssen. Das habe er jetzt wieder getan. Auf rein künstlerischem Wege gehe das nicht. "Also habe ich die Kosten runtergeschraubt und keine unvorhersehbaren produziert." Vor allem aber habe er ganz wenig Nachrichten gehört. "Damit begonnen habe ich, als ich zur Kur war. Da ging mir‘s besser und dann hab ich den Konsum weiter eingeschränkt." Das hat Simmats kritischen, aufmerksamen Blick auf sich und die Gesellschaft nicht getrübt.
 

"Vor einem Jahr gab es eine Grundhaltung der Menschen: Wie gehen wir mit dem unbekannten Virus um, was macht die Pandemie aus uns? Inzwischen gibt es eine große Ermüdung. Und was mich richtig traurig macht, ist die damit einhergehende Polarisierung der Gesellschaft - ich kenne beide Extreme in meiner Bekanntschaft. Ich denke, die derzeitigen Widersprüche sind nur schwer lösbar. Ich kann als Mensch mit Widersprüchen leben, Politiker dürfen das nicht. Dieser Zustand tut mir unendlich weh. Und was mich vor allem nachdenklich macht: Vielen Bekannten und auch mir geht es wirtschaftlich schlecht. Andererseits befindet sich der DAX in Rekordhöhe. Da frag ich mich doch, wer verdient womit so unendlich viel Geld. Da komme ich auf ganz seltsame Gedanken."


Beruflich, so Simmat, arbeitet er jetzt fast ausschließlich als Trauerredner. "Ich komme über die Runden, habe die Ausgabenseite stark reduziert." Und ja, Überbrückungshilfe habe er auch bekommen - binnen 24 Stunden nach Antragsabgabe. "Wahrscheinlich war die Summe so tief unter dem Radar, dass niemand groß prüfen musste". Das Geld habe ihm sehr geholfen, fügt er an. Im Gespräch vor Jahresfrist hatte Simmat gesagt, er gehe notfalls containern... "Daran bin ich knapp vorbeigeschrammt", lacht er zwölf Monate später..
Während der Ostertage seien ihm die Worte des EKD-Ratsvorsitzenden in Erinnerung geblieben, demzufolge es auch eine seelische Inzidenz gäbe. Jörg Simmat wirkt jetzt noch nachdenklicher.

Fast könnte man meinen, für Silke Fischer und ihre Familie habe sich seit Jahresfrist wenig geändert. Die beliebte vogtländische Sängerin strahlt auch nach einem Jahr Pandemie selbst am Telefon eine Lebensfreude und Optimismus aus, die auf angenehmste Weise ansteckend wirken. Ja, sie habe viel Zeit mit dem Töchterchen und Ehemann Ingo Dubinski verbracht, den viele noch aus seiner Zeit als TV-Moderator kennen dürften. "Maria besucht die zweite Klasse, da hatten wir Riesenglück mit dem Homeschooling", lacht Silke. Und auch beruflich musste sie zwar Einbußen hinnehmen, kam aber halbwegs gut übers Jahr. "Ich habe auch Federn gelassen, aber viele Kollegen hat es deutlich härter erwischt", sagt sie und verweist auf Auftritte während der Sommermonate vorigen Jahres im Freizeitpark Plohn, natürlich mit allen nur denkbaren Hygieneregeln. "Selbst im Freizeitpark Rust klappte es noch mit einem Auftritt", freut sie sich. Dagegen fielen das Spitzenfest, der Plauener Frühling und andere regionale Events, die ohne Silke Fischer bislang kaum denkbar waren, der Pandemie zum Opfer. Selbst mit der staatlichen Überbrückungshilfe habe es reibungslos geklappt, obwohl sie auch genügend andere Beispiele kenne. "Ich hatte Mordsglück", zieht sie eine kurze Bilanz und weiß aus der eigenen Familie, dass dies nicht die Regel ist. Bruder Bastian Fischer als ebenfalls bekanntem Musiker sind nahezu alle Auftritte weggebrochen. Vor Jahresfrist bekundete Silke, dass sie großes Vertrauen in Ministerpräsident Kretschmer habe. "Daran kann ich mich noch erinnern", lacht sie "und daran hat sich auch nichts geändert. Ich habe das gute Gefühl, dass er versucht, aus der Situation das Beste zu machen, und dabei ruhig, überlegt und ehrlich bleibt. Und außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand ernsthaft den Job machen möchte." Der Zusammenarbeit zwischen Ministerpräsident und Landrat sei es schließlich zu verdanken, dass im Vogtland so zügig geimpft werde. Was sogar "persönliche Konsequenzen" hat. "Nicht nur ich bin das erste Mal geimpft, sondern auch Ingo. Und weshalb? Weil er mit mir verheiratet ist und nun schon seit zehn Jahren im Vogtland lebt." Momentan trifft man Silke Fischer, wo man sie am wenigsten erwartet hätte - im Landratsamt. "Ich habe mich auf eine bis Jahresende befristete Stelle im Kulturamt beworben und es hat geklappt. Danach schauen wir weiter", fügt sie mit dem ihr eigenen Optimismus an. "Mein größter Wunsch ist, das der Freizeitpark Plohn bald wieder öffnen darf."