Bonnie Tyler unnd Matthias Reim begeistern in Plauen

Plauen - Wegen ihr habe ich gehungert, mir bei tropischen Temperaturen ein Eis versagt und Budapest zu Fuß erkundet, um das Busticket zu sparen. Leider weiß sie das nicht und wird es wohl auch nicht erfahren. Denn auch am Samstag vor der Festhalle Plauen gab es keine Gelegenheit Bonnie zu erzählen, wie ich zu meiner ersten LP von ihr kam, damals Ende der 70er in Ungarn.

 

Beinahe wäre ich sie dann am Zoll in Bad Schandau wieder los gewesen. Viele der Besucher des Open Air am Samstag vor der Plauener Festhalle dürften ähnliche Erinnerungen haben. Zumindest vom Alter her. Für die zahlreichen anderen, die gekommen waren, die walisische Rockröhre und anschließend Matze Reim zu hören, ist sie eine Frau, bei deren Titeln man sich nicht schämen muss, wenn sie auch dem Erzeuger gefallen.

Die Welthits zuerst

"Guten Abend meine Damen und Herren: Bonnie Tyler", ruft ein fülliger kleiner Mann von der Bühne ins Publikum. Es ist ihr Manager und ein echt pünktlicher obendrein. Denn es ist 19.57 Uhr, und dass Künstler drei Minuten früher beginnen, hat man nicht so oft. "Have you ever seen the Rain", röhrt Bonnie, geborene Gaynor Hopkins, ins Mikro, und glücklicherweise hat den Regen an diesem Abend noch keiner gesehen, was auch so bleiben wird. Nur wer ganz weit vorn steht, ahnt das Geburtsjahr der Waliserin. Für die anderen scheint sich die biologische Uhr mit Bonnie einen Scherz zu erlauben. Die Frau sieht aus wie auf meiner Platte vor 30 Jahren, lediglich ihr Appetit hat in den Jahren wohl etwas zugenommen.

Auf irgendwelche Dramaturgie pfeift sie, das Gute, das Beste, die Welthits zuerst. Sie hat ja genug davon. "Love somebody", "Baby Blue", natürlich "It?s a Heartache", "Straight from the Heart", "Lost in France" "Holding out for a Hero". Das Publikum erweist sich als textsicher, selbst bei weniger bekannten Songs. Die Tyler spult ihr Programm nicht ab, sie flirtet mit dem Publikum, begrüßt vorn stehende Fans, freut sich über hoch gehaltene Poster und Transparente.

Storys aus dem Leben

Zwischen den Titeln erzählt sie aus ihrem Leben, ihrem ersten Deutschland-Gastspiel, bei dem es wohl auch um Gulaschsuppe ging. Wie zu dieser, pardon, geilen Stimme kam, unterschlägt sie. Ende der 70er musste sie sich die Stimmlippen operieren lassen und quatschte entgegen ärztlichen Rates trotzdem munter drauf los. Das Ergebnis lässt sich seither bei ihren Auftritten bewundern und bejubeln. Eine rauchige Stimme, ein fast dreckig klingendes Lachen, ohne dass Bonnie nicht auskommt auf der Bühne.

Eine Rampensau im besten Wortsinne, die ihre Musiker liebt und diese Liebe auf offener Bühne zurück bekommt. Nach einer ganz reichlichen Stunde stellt sie die Jungs vor, auch den fülligen kleinen Mann vom Anfang und einen schlanken, großen. Das ist Robert Sullivan, seit 37 Jahren ihr "Husband" und zufälligerweise der Cousin des Vaters von Catherine Zeta-Jones. Ob sich die aus einer Bergarbeiterfamilie mit fünf Geschwistern stammende Bonnie in dieser Schicki-Micki-Szene wohl fühlt, darf bezweifelt werden.

Den Fotohandys wird eine Pause gegönnt. Die Umbauarbeiten auf der Bühne dauern zu lange. 30 Minuten nur Biertrinken wollen die Fans nun auch wieder nicht. Aber dann geht?s endlich weiter. Blitze überziehen die Bühne, Lichtkorridore bohren sich in die Zuschauermenge, es raucht und wetterleuchtet. Dann ist er da, die Beifallsrufe werden hörbar femininer. Matthias Reim. "Verdammt ich lieb euch immer noch", ruft er ins Publikum und das liebt den Matze verbal zurück. Jeans, graues Muskel-Shirt unter lässigem Sakko mit einem länglichen weißen Streifen am rechten Ärmel. Hätte er ja mal erklären können.

Titel neu arrangiert

Die meisten seiner Titel hat er neu arrangiert. Auch "Hallo, ich will gern wissen wies dir geht", klingt vertraut-anders. Wer jetzt ein Bier möchte hat Pech. Denn auch die Crew am Ausschank muss erst mal kurz abtanzen und Fotos schießen. Dann "Halleluja". Und dass der Matze schon öfter in seinem Leben gesündigt und es gern getan hat, hat sich längst rumgesprochen. Noch mal ein "Guten Abend, Plauen", dann fliegt das Sakko ins Nirgendwo und der Reim steht da wie ihn die Mallorquiner kennen und wie ihn die dortige Sonne gebräunt hat. Frauentraum, für Normalomänner unerreichbarer Waschbrettbauch.

Dann philolosophiert er zum Thema "Wie man liebt", setzt nach "Ich will dich immer noch" den Schmachtsong "Im Himmel geht es weiter", drauf. Da haben die ersten Feuerzeuge längst ihren Geist aufgegeben und Ersatz muss her. "Unverwundbar" mit Mundharmonika-Vorspiel, natürlich "Ich hab geträumt von dir" und "Lebenslänglich". Und auch er huldigt inzwischen den "Sieben Brücken", die mittlerweile ins Repertoire jedes Künstlers zu gehören scheinen, wie Schiller in den Deutsch-Unterricht oder eine Reim-CD ins Handschuhfach. Apropos Schiller. 18 Semester Deutsch und Anglistik hat Matze studiert, bevor er gänzlich der Musik erlag. Also keine Verständigungsprobleme mit Bonnie. Es folgt "Ganz egal", anschließend haben die Musiker seiner Band ihren jeweiligen Solo-Auftritt, den sie in Abwesenheit des Meisters sichtlich genießen. "Das machst du nur um mich zu ärgern" meldet er sich zurück, dann geht"s einfach nur um "Küssen oder so", "Jedes Bild von dir" und "Für dich das Letzte". Zugabe? Na klar, denn dem da oben macht"s genauso viel Spaß wie denen da unten. "Verdammt ich lieb dich", endlich, dann "Träumer", der Song vom ständigen Loser.

Mitternacht ohne "Forget it"

"Danke schön, mein Plauen. Bleibt ihr Sachsen wie ihr seid. Wenn ihr mich wieder einladet, ich schwöre, ich komme", verabschiedet er sich und verdammt noch mal, das klingt ehrlich. Weshalb sich Bonnie und Matze nicht mit "Forget it" gemeinsam auf der Bühne trafen, war dann aber doch schade. So als Sahnehäubchen kurz vor Mitternacht. tp