Bomben-Suche gestoppt

87 000 Quadratmeter groß ist die Fläche, die Experten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst im Reusaer Wald seit August 2017 nach Kriegsmunition absuchen. Doch nun ist vorerst Schluss. Aber die Arbeiten sind nicht abgeschlossen.

Von Marjon Thümmel

Plauen - "Ende April kann ein wichtiges Teilstück der mit Kampfmitteln belasteteten Flächen im Reusaer Wald in Suche und Beräumung abgeschlossen werden. Damit sind die Arbeiten jedoch noch nicht zu Ende", sagte Jürgen Scherf, Pressesprecher des Polizeiverwaltungsamtes Dresden, zu dem der Kampfmittelbeseitigungsdienst Sachsen gehört: "Die vor Ort beauftragte Räumfirma muss nun vorrangig eine Arbeit auf einer Fläche mit noch höherem Belastungs- und Gefahrenpotenzial aufnehmen. Die noch belasteten Areale im Reusaer Wald werden zu einem späteren Zeitpunkt Teilabschnitt für Teilabschnitt, entsprechend der Priorität zur Gesamtbelastung im Freistaat Sachsen in die Planung und Realisierung einbezogen bleiben", fügt er hinzu und widerspricht vehement Gerüchten, dass wegen Geldmangels die Suche nach Blindgängern im Reusaer Wald rund um eine frühere Flakstation und Bunkeranlagen Richtung Waldesruh abgebrochen werde. "Wir würden uns auch mehr Kapazitäten bei den professionellen Räumfirmen wünschen. Diese sind aber am Markt wegen der derzeit deutschlandweit sehr guten Auftragslage nicht zu bekommen", sagte Scherf und auch, dass selbst 70 Jahre nach Kriegsende noch kein Ende bei der Bergung von Kampfmitteln abzusehen sei. "Wir wissen nicht, ob wir schon auf dem Plateau stehen, ein Trend nach unten gibt es jedenfalls noch nicht. Hinzu kommt, dass die Zeitzeugen, die helfen können, das Kampfmittelkataster zu vervollständigen, langsam aussterben. Damit fehlen wichtige Hinweise auf eine lauernde Gefahr."
 Im Reusaer Wald waren auch Zeitzeugen wichtige Hinweisgeber auf mutmaßliche Blindgänger. Auch auf Grund von Luftbildauswertungen wurde nach Aussage der Stadtverwaltung festgestellt, dass die Fläche wahrscheinlich mit Kampfmitteln belastet ist. Und so suchten Mitarbeiter der Berliner Räumfirma Boskalis-Hirdes seit August 2017 nach gefährlichen Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs. Quadratmeter um Quadratmeter durchkämmten sie mit Metalldetektoren das schwierige hügelige Gelände. Tonnenweise Bombensplitter und ziviler Schrott, der früher von Anwohnern in die Bombentrichter geworfen wurde, wurden aus dem Wald getragen. 
 Und auch drei Bomben wurden gefunden. Die erste 2017, die zweite und dritte im Jahr 2018 mit nur wenigen Wochen Abstand. Und auch in der Entfernung lagen die letzten beiden ziemlich nahe beieinander. "Plauen wird noch einige Bomben-Überraschungen erleben", hatte Joachim Auerwald vom Kampfmittelbeseitigungsdienst 2017 bereits gesagt.
 "Die Plauener werden jetzt sagen, da ziehen sie ihre Räumfirma ab, obwohl nicht sicher ist, ob noch weitere Bomben in der Erde liegen", sagt Scherf und verweist auf die Notwendigkeit der Suche und Beräumung in ganz Sachsen. "Wir müssen Prioritäten setzen, und deshalb hat jetzt das Gelände zwischen Altenberg und Rehefeld, wo die Suche auch schon einige Jahre andauert, Vorrang. Dort hatten 1945 deutsche Soldaten, die mit einem großen Lastwagen-Konvoi voll beladen mit Munition Richtung Prag unterwegs waren, vom Kriegsende erfahren und ließen alles stehen. Russen brachten die Wagen in den Wald und versuchten die riesigen Munitionsberge zu sprengen. Doch das misslang gewaltig. Es flog zwar alles in die Luft, aber verteilte sich in einen gewaltigen Umkreis. Und diese Munition, zum Großteil noch scharf, suchen wir, bevor dort durch den Sachsenforst größere Waldarbeiten durchgeführt werden können", erläutert Scherf. Eine weitere große Räumstelle, die bereits seit 1992 abgesucht wird, gebe es in der Nähe von Torgau. Dort haben laut Scherf die Russen von 1945 an bis zu ihrem Abzug im Dreischichtbetrieb Bombenabwürfe trainiert. "Da liegen Unmengen in der Erde."
 Sobald wieder Kapazitäten vorhanden sind, werde die Suche im Reusaer Wald fortgesetzt. "Seit 70 Jahren sind Priorisierungen stetiger Begleiter unserer Arbeit. Zu DDR-Zeiten waren es die Flächen für den Kohleabbau und Wohnungsbau, nach der Wende Bauflächen für Gewerbegebiete und Wohngebiete sowie die Hinterlassenschaften der Sowjetarmee. Hinzu kommen Häufungen von Einzelfunden, die zu Kenntnissen über Kampfmittel belastete Flächen führen, so dass auch diese in die Prioritätenliste einfließen müssen. Erst jetzt gelingt es mehr und mehr belastete Flächen in Angriff zu nehmen, die bis heute auf die Beräumung warten mussten. Doch die Notwendigkeit einer Vorrangliste ist damit nicht vorbei, weil uns die Beräumung kampfmittelbelasteter Flächen noch Jahre beschäftigen wird", weiß Scherf sicher.