Blusenkönig näht für Olympia

Kati Witt, Kristin Otto, Heike Drechsler: Eine Firma aus dem Vogtland kleidete die DDR-Sportler ein, die ins Ausland fuhren. Der Betrieb Seidel Moden aus Schreiersgrün bei Treuen lieferte das erste Mal 1968 - für die Olympischen Spiele in Mexiko.

Treuen/Schreiersgrün -  "Für den Auftrag konnte man sich nicht bewerben, man wurde ausgesucht", sagt Axel Seidel, Chef der Friedrich Seidel GmbH, die damals VEB Vogtlandmoden/Schreiersgrün hieß. Der Blusenkönig lieferte, was Frauen glücklich macht.
"Der Betrieb hat Freizeitkleidung produziert - Blusen, Shirts, Jacken. Einerseits handelte es sich um Stücke in Serienfertigung, Eiskunstläuferin Kati Witt zum Beispiel hatte Modelmaße", berichtet der 45-Jährige, der vieles von seinen Eltern erfahren hat, die seinerzeit an führender Position im Betrieb arbeiteten. "Andererseits wurden Einzelstücke angefertigt, insbesondere bei Athleten aus Kraftsportdisziplinen. So war es durchaus möglich, dass eine Speerwerferin mit dickem Wurfarm eine Bluse bekam, die unterschiedlich große Ärmel hatte."
Seidel zufolge sind Vertreter des Betriebes kurz vor der Abreise zu den WM und Olympischen Spielen nach Berlin gefahren, um bei speziellen Fällen Änderungen vorzunehmen. "Mein Vater als Leiter der Qualitätskontrolle und meine Mutter als kreativer Kopf waren meist dabei."
Für die Olympiakleidung wurde kein Aufwand gescheut. "Zeit und Geld spielten keine Rolle: Trotz allen Mangels wurde aus dem Vollen geschöpft, alles war möglich. Denn die DDR wollte sich von ihrer besten Seite zeigen. Die Sportler und ihre Erfolge waren ein Aushängeschild", berichtet Seidel.
Die Geschichte von Seidel-Moden beginnt 1909, als Urgroßvater Friedrich Seidel das Unternehmen gründet - die erste Maschine steht noch im Betrieb. Die Firma übersteht die Weltkriege und beschäftigt in der DDR 120 Leute, auch in Heimarbeit. Wie der heutige Chef erzählt, folgte Anfang der 1970er Jahre die Verstaatlichung - mit der Begründung, die Firma habe kriegswichtige Produktion im Zweiten Weltkrieg geleistet: Kleidung für Krankenschwestern.
"Mit der Verstaatlichung wurden die meisten Lieferbeziehungen gekappt: Man arbeitete fast ausschließlich für die Exquisit-Modekette", erzählt Seidel. Die Ex-Läden waren besonders teure Geschäfte in der DDR, die zudem Kunden mit Westgeld anlocken sollten.
Wie Seidel betont, war die Abhängigkeit von einem einzigen Kunden ein Problem - nach der Wende: "Mein Vater kaufte das Unternehmen von der Treuhand zurück. Das war noch 1990 - als erster Betrieb im Bezirk Chemnitz. Eine Woche später meldete Exquisit Insolvenz an."
Mit großem Engagement habe man alte Kunden zurückgewonnen und neue gefunden. "Heute haben wir einen guten Stand in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Teilweise auch im Ostblock, obwohl die Abwertung der dortigen Währungen ein Problem sind", erklärt Seidel, der vom weitverbreiteten Jammern in Kreisen der Geschäftsleute nichts hält.
Günstig sei zudem ein Paradigmenwechsel in der Branche: Während früher "Geiz ist geil" als Motto galt, geht immer mehr um Nachhaltigkeit. "Was ist nachhaltiger, als Produkte, die bei uns vor Ort produziert werden und nicht um die halbe Welt geschippert werden müssen?"
Apropos: Um die Welt: Seidel wäre nach eigenem Bekunden Schiffskoch geworden, wenn es den Mauerfall nicht gegeben hätte. "Ich wollte die Welt sehen und nicht eingesperrt sein." Jetzt als Geschäftsführer ist er viel unterwegs - wegen der Geschäfte.
Olympiakleidung steht nicht mehr auf dem Produktionsprogramm der GmbH, die 100 Leute beschäftigt - 50 in der Produktion und 50 als Handelsvertreter. "Das Olympiageschäft war für uns mit dem Untergang der DDR beendet: 1988, für Seoul, haben wir das letzte Mal geliefert. Heute machen das die Sportartikelhersteller." ufa