Blumen-Stier und Schweine-Papa

Zum zweiten Mal kehrte das Festival Mitte Europa im Teppichmuseum von Schloss Voigtsberg ein. Waren die Räume im frisch sanierte Haus im vergangenen Jahr noch leer, empfing am Freitag Hausherr Eckardt Scharf mit der neu konzipierten Teppichschaudie Besucher.

 

Der sommerliche Festivaltermin und der Ort industrieller Erinnerungskultur fügten sich erneut zu einem Treff besonderer Art. Ein bisschen wie im orientalischen Märchenzelt durften sich die Gäste fühlen, den Hintergrund der kleinen Bühne bildete der Pazyryk - der älteste bekannte Teppich der Welt - wenn auch nur in digitaler Kopie - das Original hängt in der Petersburger Eremitage.

Tessa Mittelstaedt, bekannt aus Fernsehserien ("Tatort" Köln, "Der Fürst und das Mädchen"), am Theater Dresden mit dem Erich-Ponto-Preis ausgezeichnet, sowie der renommierte Geiger Rudens Turku, der aus Albanien stammt, zogen das Publikum mit einer Mischung aus Literatur und Musik in ihren Bann. Die Geschichte vom spanischen Stier Ferdinand, der lieber an den Blumen seiner Weide riecht, anstatt in der Arena dem Tod ins Auge zu sehen, von dem amerikanischen Autor Munro Leaf 1935 in kürzester Zeit geschrieben, bezauberte Generationen. Tessa Mittelstaedt las die kleine, weise Erzählung mit akustischem Augenzwinkern. Das Publikum - auch das jüngste mit den besten Plätzen auf der Freitreppe - ging amüsiert mit. Wenn die Sprecherin eine Pause einlegte, akzentuierte Turku die Wendungen des Textes mit der Musik von Alan Ridout, einem englischen Komponisten der Moderne.

Mit der Sonate Nr. 2 des belgischen Komponisten und Geigers Eugéne Ysaye aus der Spätromantik und einem Solo für Violine aus der Partita III E-Dur von Johann Sebstian Bach gab Turku zwei eigenständige, virtuose Proben seines Könnens - bejubelt vom Publikum. Gedanklich hatte das mit Martin Auers "gar unheimlicher Erzählung "Der Schlumperwald" und Ingrid Nolls kleinem Versepos von der Wandlung des Schweinepaschas zum lieben Papa kaum noch etwas zu tun. Dem Vergnügen tat das keinen Abbruch.

Mittelstaedt las sich mit sichtlichem Spaß an dem Abend von der anfänglichen Anspannung frei, hätte sich zuweilen noch mehr Ruhe - und damit Verständlichkeit auf den hinteren Stuhlreihen - leisten können. Die sommerliche Pause mit (Vor)lesen und Musikhören, den Worten und Klängen nachdenkend, sie war den Weg auf den Oelsnitzer Schlossberg wert.  R.W.