Bittere Erkenntnisse

"Die heilige Johanna von den Schlachthöfen" hat am Samstag im Theater Plauen Premiere gefeiert. Im Publikum waren diesmal mehr junge Leute als üblich.

Von Gabi Kertscher 

Plauen - Das viergeteilte Bühnenbild ließen eine Bereiche überspielende Darstellung zu. Vier Farben - vier Container - vier Spielorte. In der Schaltzentrale der Macht, groß mit "Mehrwert" überschrieben, saßen die Fleischfabrikanten vor buntblinkenden Armaturen und verschacherten ihre Büchsen und das Vieh zu möglichst hohen Preisen. Ohne Rücksicht auf Verluste in den Reihen der Arbeiter oder ihresgleichen. Fleischkönig Mauler (Theo Plakoudakis) zeigte sich begeistert von seiner Maklerin Slift, gespielt von Else Hennig, und den am Telefon erfahrenen Insider-Tipps von der Fleischbörse. Sein Spielplatz war der rotlichtige Capital-Container. Unter dem Mehrwert hatte die Schwarzen Strohhüte ihren Platz. 
Mit "Erbarmen" betitelt und in blau gehalten, passend zur Uniform der drei Darsteller, versuchen die selbsternannten Soldaten Gottes die arbeitslosen Schlachthofarbeiter mit einer Kelle wässriger Suppe und vielen Gebeten zu Gott zu bekehren. Immer wieder bekommt das von Roland May inszenierte Brecht-Stück den Bezug zum Heute. 
Die an einer Schranke lehnenden und hungrig auf irgendeinen Job hoffenden Arbeiter werden angerufen. "Die haben ja alle ein Handy" stellt Martha, Soldat der Schwarzen Hüte (Ute Menzel), fest. Ihre Uniformen wurden von Thurid Goertz geschaffen. Dunkelblau und rot, mit großen goldenen Knöpfen geben sie etwas Strenges. Allerdings ist von den "Schwarzen Strohhüten" nichts zu sehen. Ein dunkelblauer glänzender Deckel mit eng gebundener Kappe ziert die Köpfe. Johanna, die an das Gute im Menschen glaubt, setzt sich für die ein, die weder Essen noch Glauben haben. Johanna hat sich verrechnet. Sie wird aus der Heilsarmee entlassen und findet sich unter den Armen wieder. Keine schöne saubere Uniform mehr, kein Dach über dem Kopf. 
Johanna lässt sich nicht bestechen, kann kaum glauben, was sie erlebt. Für ein paar Mittagessen beendet Frau Luckerniddle die Suche nach ihrem Mann. Dieser war in den Sudkessel gefallen und als Büchsenspeck auf eine Weltreise gegangen. Johanna setzt sich für die Arbeiter ein. Sie unterschlägt ein Schreiben aus Angst vor gewalttätigen Auseinandersetzungen. 
Am Ende erkennt die sterbende Johanna, dass ihre Hoffnung auf Gott und Verhandlungen mit den Kapitalisten gescheitert sind und dass sie den Arbeitern, denen sie helfen wollte, nur geschadet hat.
Während des gesamten Stücks werden Videos auf die Wände der Container projiziert, Häuserfronten, Börsenzahlen, aber auch Arbeiter, die aus den 30-iger Jahren zu sein scheinen sind zu sehen. Die Figuren schauen ständig auf Handys, fotografieren und filmen, machen Selfies mit hungernden Arbeitern. Der Bezug zum Jetzt und Heute scheint gewollt. 
Noch dreimal ist das knapp drei Stunden dauernde Schauspiel von Berthold Brecht in Plauen zu sehen. In der Premierenvorstellung waren auffallend viel junge Menschen im Publikum. Jugendgruppen kamen aus Thüringen und Bayern. Sie zeigten sich überrascht über die Beziehungen zur Gegenwart. Einige fanden es übertrieben, dass sich Johanna nach ihrem Scheitern mit Greta Thunberg verglich und dass sie kurz eingeblendet wurde. Man wolle in der Gruppe über das Gesehene weiterdiskutieren, ließen einige von ihnen wissen.