Birgit Thümmler sagt adieu bei Sekt und Selters

Besucherandrang Samstagvormittag im Zoephelschen Haus. Ein Treff - viele Anlässe. Diesmal stand eine Frau im Mittelpunkt.

Von Renate Wöllner

Oelsnitz - Eine Hexe mit Besenstiel ziert ihre Visitenkarte. Überirdische Fähigkeiten hatte sie nötig. Seit 1996 hatte Birgit Thümmler in der Oelsnitzer Kultur- und Tourismusinformation im Zoephelschen Haus ein offenes Ohr für Anliegen jeder Art, bereits drei Jahre früher begann ihr Dienst als Kulturmitarbeiterin der Stadt. Nun sagte Kultur-Chef Daniel Petri zum Abschied "Danke". Bei dem schönen Wetter traf man sich an Stehtischen im Hof bei Sekt und Selters.
Mit 63 Lenzen geht Frau Thümmler in den Ruhestand. Kurz vorher hatte sie eine Wandergruppe vom Rennsteig auf den Stadtrundgang geschickt. Eine sichere Bank sei sie für ihn gewesen, lobte Petri, zuverlässig, erfahren und federführend in einem Job, der nicht immer einfach war, eine kompetente Ansprechpartnerin für Besucher und Beherbergungsbetriebe. "Ich hatte 27 Jahre lang viel Spaß, habe sehr sympthatische Leute kennengelernt, aber auch Meckerer", blickte die Oelsnitzerin zurück. Angemerkt hatte man ihr den Spaß auch bei den vielen Ausstellungen, die sie im Lauf der Jahre vorbereitete und als Laudatorin eröffnete. Dabei hatte sie beruflich als Textilfacharbeiterin im VEB Elastic-Mieder zunächst eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Dann kam auf halber Wegstrecke der Umschulung zur Kindergartenerzieherin die Wende dazwischen. Eine interne Ausschreibung des Rathauses bot der jungen Mutter die neue Chance im Kulturfach. Was bleibt besonders in Erinnerung? "Die Begegnungen mit der steigenden Zahl von Pilgern auf dem Jakobsweg habe ich als Erleuchtung empfunden", sagt Frau Thümmler. Und sehr gerne unterstützt habe sie den Mineralientisch von Jürgen Fortak, der sein Hobby zum Spendensammeln für krebskranke Kinder einsetzt.
Und nun? "Ich will noch ein bisschen leben und die Zweisamkeit mit meinem Mann genießen, der schon seit fünf Jahren im Ruhestand ist", plant Frau Thümmler für den "letzten Lebensabschnitt". "Du warst eine absolute Bereicherung für unsere Stadt", gab ihr stellvertretender Bürgermeister Ulrich Lupart mit.
Die Aufgaben der Neu-Rentnerin übernimmt der Adorfer Christian Kerner. Der 40-Jährige, der schon für die Kultur GmbH arbeitete, ist gelernter Bürokaufmann und steht nun hinterm Tresen der Tourismusinformation, die umgestaltet wurde, viel großzügiger wirkt und zum Auftakt der Ausstellung "Alain Bonnas - Meine Wende 2.0" Raum bietet.
"Ein Humorist, der nicht dem Zeitgeist hinterher hechelt", charakterisierte Laudator Peter Janka den gebürtigen Franzosen, der seit 1991 Oelsnitzer ist. Der Kunststofftechniker führte hauptberuflich als Selbstständiger ein Unternehmen in Ebersbach. Nachdem er kürzlich seinen 65. Geburtstag feierte, ist auch er im Rentenstand angekommen. Von Ruhe kann bei soviel kreativen Tun sicher nicht die Rede sein. Vor elf Jahren war Bonnas bereits mit einer Ausstellung von Aquarellen im Zoephelschen Haus zu erleben. Dieser zarten Bildwelt folgen nun viel handgreiflichere Eindrücke mit Objekten, Materialbildern, Tuschezeichnungen und Ölgemälde, welche die berufliche Vita ihres Schöpfers als Techniker nicht verleugnen. Frei bedient sich Bonnas der "Ikonen der Wende", Hans-Dietrich, Helmut, Kurt und Angela, deren Heiligenschein die respektlose Darstellung in einem Vierer-Porträtbild konterkariert. Da bricht sich der Karikaturist Bahn. Karl Marx, respektive sein Kolossalkopf in Chemnitz, blickt sorgenvoll an sich herunter. Sein Sockel ist mit braunen Flecken verschmutzt. In einer weiteren farbigen Tuschezeichnung ist der "Nischel" von den neuen Tempeln des Kommerzes umstellt und überragt - und doch der einzig lebendige Ausdruck in einer seelenlosen Betonwüste. Dem Zeitgeist kann sich Bonnas dann doch nicht ganz verschließen. Sein Globus ist ein Corona-Virus, flankiert von Klorolle und Nudelpaket.