Bilder von überflüssigen Menschen

Warum kommt einem der Arbeiterfotograf Walter Ballhause in den Sinn, wenn in Talkshows über den historischen Vergleich: Ende der Weimarer Republik und heute meist verharmlosend geschwätzt wird? Weil er wie kaum ein anderer die Gefahr des aufkommenden Faschismus ins Bild gesetzt hat? Eine Entwicklung, der die Weimarer Demokratie nichts entgegenzusetzen hatte.

Von Lutz Behrens

Plauen Wenn ein Bild mehr sagt als tausend Worte, kann ein Foto von Walter Ballhause erhellender über das zwanzigste Jahrhundert und seine Katastrophen aufklären als dickleibige Geschichtsbücher; diese berühmteste Aufnahme des Arbeiterfotografen - der damals als Zwanzigjähriger nicht einmal ahnte, dass er heute zu den wichtigsten Vertretern dieses Genres zählen würde - wurde vermutlich im Mai 1932 im Hof des Arbeitsamtes von Hannover aufgenommen. Wo sich Ballhause nicht zu hehren Studienzwecken aufhielt, sondern weil er selbst arbeitslos war. In dichten Fünferreihen drängen sich in scheinbar endloser Schlange Arbeitslose, mit Hut, meist aber bemützt, und stehen für das Stempelgeld an. Stempelgeld für Arbeitslose, das muss man heute erklären: Wer also in der Weimarer Republik (1918 bis 1933) arbeitslos wurde, und das waren am Ende mehr als sechs Millionen!, musste sich täglich auf dem Arbeitsamt melden, um einen Stempel zu bekommen, mit dem die Unterstützung ausgezahlt wurde, das sogenannte Stempelgeld.
Doch neben der genialen Sicht auf die trostlose Diagonale, die der Zug der Wartenden bildet, rechts mit freier Fläche, links mit unzähligen abgestellten Fahrrädern, sind es vor allem eine gerade noch lesbare Inschrift und ein Symbol auf einer Baracke, die dem Foto seine Einmaligkeit verleihen, seine Prophetie. Die Zeugnis ablegen vom unbestechlichen Credo eines Fotografen, dessen Sympathie eindeutig und dessen Blick scharf und klar ist. Gerade noch zu lesen ist: Wählt Hitler, ergänzt durch ein Hakenkreuz.
So dokumentiert das Foto den evidenten Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Faschisierung und hat als Beispiel für sachliche Wahrheit als dem Wesen der Fotografie längst und nicht nur Eingang in die Schulbücher für den Geschichtsunterricht gefunden.
Fotos entstanden
unter Lebensgefahr

Zu finden ist das Jahrhundertfoto im Bildband "Harte Zeiten". Die Publikation mit knapp 100 Seiten bündelt die Aufnahmen, die Walter Ballhause von 1930 bis 1933 in Hannover gemacht hat und die im Text zum Buch als sein Lebenswerk bezeichnet werden.
Ballhause machte seine Fotos unter Lebensgefahr, und er war sich dessen auch bewusst. Er fotografierte mit einer geborgten Leica (mit 50mm-Objektiv) und unter konspirativen Bedingungen. Er fotografierte die Menschen meist von hinten, versteckt, aus der Jacke heraus und von ihrer Scham wissend emotional mit ihnen verbunden; er war einer von ihnen. Das erklärt auch die bis heute eindrucksvolle Authentizität seiner Fotos; da setzt keiner sein "Fotografiergesicht" (Siegfried Kracauer) auf. Und einen weiteren Grund gab es für die von ihm praktizierte Anwendung einer verdeckten, "unsichtbaren Kamera". In einem Film, der 1982 von der DEFA über ihn gedreht wurde, sagte er: "Es war eine geliehen, eine teure Kamera. Und ich wusste genau, dass die Polizei den Auftrag hatte, jedem, der irgendwo fotografierte, die Kamera zu zerschlagen und den Film wegzunehmen."
Streitbarer Redakteur
im Vogtland

Erworben hatte sich Walter Ballhause, der für zwei Drittel seines Lebens in Straßberg bei Plauen lebte, diese seine von Werken der bildenden Kunst beeinflusste Sicht auf die Menschen durch ein Buch von Erich Knauf. Dessen "Empörung und Gestaltung", Künstlerprofile von Daumier bis Kollwitz, erschien 1928 bei der Büchergilde Gutenberg. Knauf, in Lederjacke und ohne Respekt, machte sich in Plauen von 1921 bis 1928 als Redakteur der Volks-Zeitung für das Vogtland einen Namen, schrieb streitbare Artikel und bis heute lesenswerte Theaterkritiken. Er leitete die Büchergilde von 1928 bis zum Verbot 1933. Dann die Katastrophe. Weil Erich Knauf politische Witze erzählt hatte, denunziert worden war, wurde er im Mai 1944 wegen "defätistischer Äußerungen im Luftschutzkeller" vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und mit dem Fallbeil geköpft. Der mit ihm seit Plauener Tagen befreundete Erich Ohser, als e. o. plauen bekannter Zeichner, Karikaturist und Schöpfer der Bildergeschichten von "Vater und Sohn" und gemeinsam mit ihm angeklagt, nahm sich im April 1944 in der Haft das Leben.
Nur durch Zufall
dem Henker entkommen

Dass wir Walter Ballhauses Fotos überhaupt kennenlernen können, haben wir seiner Frau Hennie, ihrer Weitsicht und ihrem Mut zu verdanken. Sie hat die Negative verpackt und hinter eine Kartoffelkiste genagelt, als das Haus durchsucht worden war. Ballhauses wohnten schon in Straßberg, wohin seine Frau und er 1941 umgezogen waren, da er bei der VOMAG in Plauen eine Anstellung als Laborleiter gefunden hatte. Nachdem er bereits in Hannover nach 1933 von der Gestapo verhaftet und kurzzeitig eingesperrt worden war, fiel er auch in Straßberg unangenehm auf. Im September 1943 lehnte er es ab, als Blockwalter der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) tätig zu werden. Ihm drohte der damalige Straßberger Ortsgruppenleiter der NSV: "Sie scheinen den Sinn der heutigen Zeit leider noch nicht verstanden zu haben und mache ich Sie für die Auswirkungen Ihrer Ablehnung und Weigerung allein verantwortlich." Ein Jahr später erwartet ihn in der "Strafsache gegen Ballhause und 3 Andere wegen Wehrkraftzersetzung und Verdachts illegaler Betätigung", anhängig beim Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof, die Todesstrafe. Er sitzt erst im Gefängnis in Plauen, dann in Zwickau. Nur einem Zufall hat es Walter Ballhause zu verdanken, dass er nicht hingerichtet wurde; seine Akten schickte der Volksgerichtshof in Berlin nach Dresden. Dort verbrannten sie beim Angriff im Februar 1945. Am 17. April 1945 wird er aus dem Gefängnis in Zwickau befreit.
In Plauen nie eine
Würdigung erhalten

Das erste Buch mit Fotografien von Walter Ballhause erschien 1981 im Reclam Verlag Leipzig unter dem Titel: "Überflüssige Menschen", zusammen mit Gedichten von Johannes R. Becher. Als Herausgeber des Bildteils fungierte der aus Plauen stammende, inzwischen emeritierte Leipziger Professor für Fotografie, Helfried Strauß. Im fast 300 Seiten starken Band finden sich die Fotos aus Hannover von 1930 bis 1933, Aufnahmen aus der ländlichen Umgebung Hannovers, dann die in der Arbeiterillustrierten Kuckuck in Wien erschienene Bildreportage "Einer von Millionen" von 1932. Das letzte Foto des Bildbandes wurde 1949 in Dresden aufgenommen: es zeigt hinten Ruinen, vorn ein spielendes Kind und ein Kinderwagen. Bei dem Kind handelt es sich um den Sohn von Walter Ballhause, den 1947 geborenen Rolf Ballhause. Er kümmert sich seit Jahren um das fotografische Erbe seines 1991 gestorbenen Vaters. Als im Mai 2000 im Stadtteil Linden von Hannover der Teil einer Straße nach Walter Ballhause benannt wurde und eine Legendentafel an den Arbeiterfotografen erinnert, zieht sein Sohn gegenüber dem Hannoveraner Stadt-Anzeiger eine bittere Bilanz. Sein Vater habe in Plauen "nie eine Würdigung erfahren". Eine Nachfrage im Kulturausschuss des Plauener Stadtrates ergab zwar, dass vor einiger Zeit der Vorschlag gemacht worden sei, auch in Plauen eine Straße nach dem legendären Arbeiterfotografen Walter Ballhause zu benennen, passiert sei seitdem nichts.