Bierzug hat 24 Hufe

Die 6 PS in Gestalt stämmiger Percheron-Pferde sind die Zierde eines jeden Festumzugs. Das Sechsergespann der Wernesgrüner Brauerei ist im Sommer überaus reiselustig.

Von Cornelia Henze

Wernesgrün "Wir haben halt ne Pferdemacke!", sagt der Wernesgrüner Chef-Kutscher Gerd Opel, und sein Gehilfe Mike Heinz nickt dazu zustimmend. Groß Bock auf Urlaub, auf andere Hobbys oder gar Reisen - es sei denn zu und mit Pferd auf dem Bock - haben die Männer nicht. Der Stall im Brauereigutshof mit Sattel- und Kutscherstube ist, abgesehen von ihren Häuschen in Eibenstock, wo sie mit Frauen und Kindern wohnen, ihr Lebensmittelpunkt. Wenn es um‘s Pferd geht, wird auch nicht auf die Uhr geschaut.
Putzen, füttern, Hufe pflegen, satteln, ein- und ausspannen, auf dem Bock sitzen, den "Sechser" durch Festumzüge lancieren und Touristen durch die "Kante" kutschieren, das ist der Alltag von Gerd Opel und Mike Heinz.
Von Mai bis Oktober sind Gerd und Mike mit den Pferden Sam, Carino, Max und Moritz und wie sie alle heißen jedes Wochenende auf Tour. Auf dem großen Laster haben sechs Pferde Platz plus Wassertank, um den Durst der Kaltblüter unterwegs zu löschen. Hinten auf dem Hänger "fährt" der Bierwagen mit. "Von Passau bis zur Ostsee, Heringsdorf und Zingst, waren wir schon überall", sagt Gerd Opel. Ruckzuck bilde sich jedesmal eine große Menschentraube, wenn die prächtigen Rappen aus dem Convoi steigen. Die Mega-Touren vermeiden die Wernesgrüner Bierwagen-Kutscher jedoch wo es geht. Unnötigem Stress will man die Tiere nicht aussetzen. Besonders bei der Hitze in diesem Sommer. 60 Liter Wasser säuft ein Pferd an extrem heißen Tagen; das Dreifache einer normalen Tagesration. Ansonsten kämen Pferde mit großer Hitze besser zu Fach als Menschen, stammten die Tiere ursprünglich doch aus der Steppe und seien vom Urinstinkt her riesige Temperaturschwankungen gewöhnt. Ehrensache für Opel ist es, sich jährlich in den Eibauer Bierzug, in dem über 120 Pferde traben, einzureihen. Die Wernesgrüner sind eine der wenigen Brauereien, die sich einen eigenen Bierwagen, vor den sechs Pferde gespannt sind, leisten. Vorne zwei feurige Hengste, in der Mitte ein Paar ruhige, verlässliche Wallache und hinten ein Stute-Wallach-Gespann - das ist das Rezept dafür, dass der Wagen zuverlässig rollt. Der rollt in Arnstadt, zum Lößnitzer Salzmarkt, zu Tagen der Sachsen und der Vogtländer, am 28.Juli zum Markneukirchener Bergfest und in diesem Jahr am 24./25. August zum Wernesgrüner Brauereifest. Ein Heimspiel." Jedes Pferd hat einen anderen Charakter", verrät Pferdeflüsterer Opel. Stämmige "Burschen" sind sie alle, die aus Nordfrankreich stammenden Kaltblüter, die bis zu 1000 Kilo auf die Waage bringen und in der Lage sind, das Doppelte ihres eigenen Gewichtes zu ziehen. Dazu tragen sie noch das 40 Kilo schwere, üppig aufgeputzte und geschmückte Geschirr, das mit dem Viertonner-Bierwagen verbunden ist.
Zwölf schwarze Pferde stehen im Stall. Sechs davon gehören immer ins Gespann. Sehr junge, gerade erst im französischen Le Haras Du Pin gekauften Pferde, brauchen zwei, drei Jahre Ausbildung bevor sie angespannt werden. Ist das Pferd fünf Jahre alt, so ist es Zeit, um im Gespann mitzulaufen. Ältere Pferde hingegen werden seltener im Zug eingespannt. In all den 25 Jahren hat Gerd Opel mit vielen Pferden gearbeitet. Wie ein Turnierpferd regelmäßig geritten wird, so spannen Opel und Heinz fast täglich die Kutsche an. Training und Bewegung, im Sommer Auslauf auf der Weide, gehören zum Alltag eines Pferdes. Sind es nicht die Festumzüge, in denen der Traditionszug rollt, dann wird auch dann und wann für Privatleute die Kutsche angespannt. Mit dem Kremser geht es durch die Wälder rund um Wernesgrün, den Steinberg, Giegengrün bis zum Forstmeister nach Schönheide.
Noch gut erinnern kann sich Gerd Opel an Stefan und Moritz, seine eigenen Pferde, mit denen er 1993 begann, den Traditionszug aufzubauen. Die zwei waren es auch, mit denen der Erzgebirger einige Jahre zuvor mächtige Stämme aus dem Wald holte. Zerspaner hat Opel gelernt. Zu DDR-Zeiten war er Forstarbeiter. Nach der Wende selbstständiger Holzrücker. Nebenher zog er mit dem eigenen kleinen Wagen auf Volksfeste, wie der Rodewischer Kirmes und sorgte dort für begeistertes "Ah" und "Oh!" 1993 trug ihm die Brauerei an, den Traditionszug aufzubauen, nachdem diese Stallungen und Brauereihof wieder hergerichtet hatten.
Nur ungern denkt Gerd Opel an 2023. Das Jahr, in dem der heute 62-Jährige in Rente geht. Vielleicht. Denn: "Ein Leben ohne Pferde ist für mich unvorstellbar".