Biedenkopf mahnt "Dienen" an

Der Alt-Ministerpräsident mischt sich in den Wahlkampf ein. In Bad Brambach wollten 50 Leute hören, was er zu sagen hat.

Von Ingo Eckardt

Bad BrambachDie Gäste hatten am Freitagabend den Weg ins Hotel "Sante Royal" in Bad Brambach gefunden, um ein neues Gesprächskonzept der Sachsen-CDU zu erleben. Dabei kam der ehemalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf mit Generalsekretär Alexander Dierks und dem örtlichen Landtagskandidaten ins Gespräch. Thema war den größten Teil des Abends die Frage, wie man mit der AfD umgehen soll.
Dabei redete der 89-jährige Ex-Ministerpräsident "seiner Sachsen-CDU" ins Gewissen: "Sinn von Politik ist in erster Linie, zu dienen und nicht der pure Machtgewinn wie bei den Populisten in Deutschland, aber auch vielen anderen europäischen Ländern. Man denke nur an Frankreich, die Niederlande, Italien oder Österreich. Die CDU hat eine Wurzel im Gründungsjahr 1946 und eine viel tiefere in den sozialen Gedanken des 19. Jahrhundert und in der Wertorientierung des christlichen Glaubens."
Nicht nur Wirtschaft, Wachstum und Entwicklung seien wichtig, sondern eben auch Werte, denen man sich auch als Politiker unterordnen muss. Zu dienen statt zu befehlen und sich für unfehlbar zu halten, sei das Gebot der Stunde. Dabei rannte er bei Alexander Dierks offene Türen ein. Es gehe eben nicht mehr, nur standfest zu sein. "Man muss auch Fehler erkennen und korrigieren. Keiner konnte wissen, wie sich die Welt entwickelt und keiner weiß, wie es in 20 Jahren aussieht. Wir müssen uns alle auch etwas zumuten und das Risiko eingehen, Fehler zu machen", so Dierks.
Sachsens Ministerpräsident Kretschmer habe sie getan und sei vor allem Zuhörer geworden, um näher dran zu sein, an den Menschen - um Kompromisse zu finden, die klug seien. "Wir müssen den Menschen ehrlich sagen, dass ein erträgliches Miteinander nur über Kompromisse funktioniert. Die Eier legende Wollmilchsau, die alles richtig macht in der Politik, die gibt es nicht. Und noch etwas, wer in allen Gebieten immer eine einfache Lösungen hat, der lügt ganz häufig.
Auch Biedenkopf lobte den sächsischen Ministerpräsidenten. Er habe größte Hochachtung vor Michael Kretschmer, der - trotz des Verlustes seines Bundestagsmandates 2017 - den Mut aufbrachte, Verantwortung übernahm. "Ich kann meiner CDU nur raten, selbstbewusst, aber auch demütig an die Wahlen heran gehen. Und wir sollten die Menschen im Land ermutigen, gemeinsam die nächsten Jahre zu gestalten. Alle müssen mitmachen, um eine freie Gesellschaft zu sein. Natürlich freue ich mich, dass die Leute mir gern auch heute noch zuhören, aber wichtiger ist es, dass sie sich engagieren und mit ihren Nachbarn und Freunden reden. Ich finde, Kretschmer ist ein vertrauenswürdiger Mann."
Biedenkopf riet den Unions-Kandidaten, auch mal das Programm der politischen Gegner zu lesen. Er habe sich beispielsweise das Programm der AfD mal genauer angeschaut. "Vieles, was da drin steht, ist längst auf den Weg gebracht. Anderes ist völliger Unsinn, beispielsweise verantwortungslose Forderungen nach einem EU-Austritt", wetterte der Alt-Ministerpräsident, der auch zurück blickte, wie er damals nach Sachsen kam.
Immer mal mit einem politischen Seitenhieb auf einstige "Lieblingsgegner". So erzählte er, wie Lothar Späth ihn in der Nacht angerufen haben und ihn fragte, ob er für die CDU in Sachsen als Ministerpräsidentenkandidat antreten wolle - genau sieben Stunden Bedenkzeit habe er gehabt - und der damalige CDU-Chef Helmut Kohl habe das nun so gar nicht gewollt. "Wir waren nicht sonderlich gut befreundet", grinst Biedenkopf noch heute.
Ihm war aber schnell klar, dass er diese Offerte nicht ablehnen kann. Er sei mit seiner Gattin Ingrid gekommen. Und er habe auf diese Weise die Sachsen und sich selbst besser kennengelernt.
Die größte Herausforderung sei damals gewesen, den Sachsen ohne sie und ihre Lebensleistung zu beleidigen die Welt so zu erklären, wie er sie kennengelernt habe. Dieser Respekt voreinander sei heute leider nur noch selten zu erleben. "Jeder im Land, ob Straßenkehrer oder Unternehmer, hat die gleiche Bedeutung für uns und unser Gemeinwesen", so Biedenkopf, bevor es an die Statements aus dem Publikum ging.
Die meisten Fragen und Anregungen drehten sich um das Thema, wie man der AfD am besten begegnen solle. "Die meisten Abgeordneten fragen sich schon, was man selbst falsch gemacht habe, um die Populisten so stark werden zu lassen. Es wurde sicher nicht alles falsch gemacht und man muss nicht in Sack und Asche gehen. Wir haben vieles auf die Reihe bekommen. Manchen Fehler haben wir aber auch gemacht. Diese Fehler zu korrigieren - man denke an die Themen Polizei oder Lehrermangel - zeugt davon, dass wir uns ernsthaft Gedanken um Sachsen machen", erklärte Andreas Heinz. Er sei sicher, dass in Sachsen eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen sei. "Jede Stimme für die AfD schwächt die bürgerlichen Kräfte und stärkt rot-rot-grüne Ideologen", analysierte der erfahrene Landtagsabgeordnete. Aus dem Publikum gab es ebenfalls spannende Meinungen zu diesem Thema. So meinte die Psychotherapeutin Dr. Christiane Seidel, dass die AfD nur ein Symptom gesellschaftlicher Fehlentwicklungen sei. Sie fände es gut, dass man seit Kretschmers Regierungsübernahme begonnen habe, den Leuten stärker zuzuhören. Dierks bestätigte das: "Mit Menschen auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen, ist Grundlage für Sachsen die richtigen Wege zu finden. Auch wenn es manchmal wirklich weh tut, sich der Wut der Bürger auszusetzen", so der sächsische Unions-General. Katrin Stübiger mahnte an, die Jugend nicht aus den Augen zu verlieren. "Denen brauchen wir nicht mit den Geschichten der vergangenen dreißig Jahre zu kommen", sagte sie. Dierks stimmte ihr durchaus zu, man müsse die Anliegen der jungen Leute ernst nehmen und die eigenen Themen auch auf den modernen Kanälen zur Diskussion stellen. "Wir müssen aber die jungen Menschen auch in die Verantwortung nehmen, mitzugestalten. Wenn der Video-Blogger Rezzo gebeten wird, sich doch selbst mit zu engagieren und er dann antwortet, dass ihm das zu anstrengend sei, dann geht seine Kritik doch ins Leere", wertete Alexander Dierks.