BG Klinik in der Krise

Die 100 Mitarbeiter der BG Klinik für Berufskrankheiten in der Falkensteiner Ortschaft Dorfstadt bangen um ihren Arbeitsplatz. Es mangelt an Ärzten und auch an Patienten: Ein Gutachten soll entscheiden, ob die Klinik fortbesteht oder schließt.

Von Cornelia Henze

Falkenstein - Ende März hat die Berliner Zentrale des Klinikverbundes der gesetzlichen Unfallversicherung (BG = Berufsgenossenschaft) die Dorfstädter Mitarbeiter über die Krise und die möglichen Folgen einer Schließung informiert. Worauf diese nun stark verunsichert und viele von ihnen auf der Suche nach neuer Arbeit sind. Diese düsteren Aussichten, so befürchten Mitarbeiter, werden zu einer noch höheren als der ohnehin schon bedenklichen Fluktuation von Ärzten und Personal führen. Denn in der kleinen abgeschiedenen, mitten im Wald liegenden BG-Klinik bleiben die auf Lungen- und Hautkrankheiten spezialisierte Fachärzte und vor allem die Führungskräfte nicht lang. Der zum September 2017 eingeführte Ärztliche Direktor Matthias Fischer, der gleichzeitig die Dermatologie abdeckte, ist längst wieder weg. Silke König, die daraufhin kommissarisch übernahm, hat in diesem April gekündigt. Derzeit wird das Haus kommissarisch und quasi aus der Ferne von Dr. Michael Stegbauer, der an der BG Klinik Bad Reichenhall Chefarzt ist, geleitet. 
Dringend gesucht wird aktuell ein Arzt für Lungen- und Atemwegserkrankungen. Und auch im zweiten an der BG Klinik unerlässlichen Behandlungsfeld, den Hauterkrankungen, sieht es mit Fachärzten dünn aus. Ein aus dem Ruhestand geholter Hautarzt garantiert aktuell dort den Betrieb in dieser Fachrichtung. Die Kliniken der gesetzlichen Unfallversicherung überprüfe in den nächsten Wochen systematisch den Betrieb in Falkenstein/Dorfstadt, was die Träger der BG Kliniken am 21. März beschlossen haben, erklärt Eike Jeske, Pressesprecher der BG-Kliniken. Als Hauptgrund gibt Jeske den Ärztemangel an, der durch die geographische Randlage der Klinik noch begünstigt werde. Weiter nennt der Sprecher den demografischen Wandel der Einrichtung: 
Das Bild der Berufskrankheiten sei im gesellschaftlichen Wandel. Will heißen: Mit dem Rückgang des Kohleabbaus schwinden auch früher häufige Berufskrankheiten an Lunge und Atemwegen. Die Kohlekumpel von damals, heute betagt und lungenkrank, lehnten daher eine Behandlung an einer Klinik mit schlechter Verkehrsanbindung ab.
"Wir sind doch gut ausgelastet", sagen einige dem Vogtland-Anzeiger bekannte Mitarbeiter. Andere wollen wissen, dass in letzter Zeit Patienten vom Versicherungsträger bewusst nach Bad Reichenhall zur Reha umgeleitet werden, auch solche, die schon wiederholt in Dorfstadt behandelt wurden. 
Diesen im Raum stehenden Vorwurf dementiert Eike Jeske vehement. In der BG Klinik Dorfstadt verweilen jährlich 1400 Patienten. Diese Zahl sei in den vergangenen Jahren konstant geblieben. Allerdings müsste die durchschnittlich Auslastung mindestens 20 Prozent höher sein, räumt Jeske ein.
Das Gutachten soll am 16. Mai vorliegen. Nach dessen Ergebnis wird feststehen, wie und ob die Klinik fortbesteht. Kurz- und mittelfristig werde die Patientenversorgung in Falkenstein/Dorfstadt ohne Einschränkung gesichert. Die Klinik verfüge weiter über nötiges medizinische Personal und ausreichende Finanzreserven, heißt es vom BG-Kliniken-Verbund, zu dem 13 Standorte, davon nur zwei Klinken für Berufskrankheiten (Dorfstadt und Bad Reichenhall), gehören.
Den Termin im Mai wolle man noch abwarten, sehen, was das Gutachten ergibt, so der CDU-Landtagsabgeordnete Sören Voigt aus Falkenstein. Schon Anfang des Jahres sei ihm die Situation an der BG-Klinik bekannt gewesen - es habe bereits Gespräche mit Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch gegeben. Mit Landrat Rolf Keil und Falkensteins Bürgermeister Marco Siegemund sei man einig, bei akuter Schließungsgefahr nach Berlin fahren und mit dem Vorstand der BG Kliniken sprechen zu wollen. "Wir kämpfen um die Klinik, denn sie ist ein wichtiger Wirtschaftsstandort für die Region. Allerdings kann Politik nur begleiten, helfen, Türen zu öffnen. Die Entscheidungen treffen andere", sagt Voigt dazu.
Siegemund greift nach der Möglichkeit, künftig andere, für unserer hektischen Zeit typische Berufskrankheiten in Dorfstadt behandeln zu können, wie nach einem Strohhalm. Er könne sich vorstellen, dass Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen an dem ruhigen Fleck im Wald gesunden und damit der Standort auch für die Zukunft gesichert wäre. Nur ein Gedanke.
Die Klinik sei die einzige für Berufskrankheiten in Sachsen und strahle damit in die Stadt und Region. Auch Geschäfte und Cafés, die von BG-Patienten aufgesucht werden, sowie Zulieferer der Klinik profitierten von dem Standort, in der zu DDR-Zeiten Wismut-Kumpel des Nachts - daher der Name Nachtsanatorium - behandelt wurden. Auch war die Einrichtung Regierungssanatorium und ältere Falkensteiner wissen noch heute, dass DDR-Staatsratschef Walter Ulbricht dort kurte.
Aktuell sorgen sich auch Dorfstädter Grundschule und Wasserballer um die Klinik: Denn seit Jahren nutzen sie zum Training das Hallenbad.