Bester Kumpel war IM

Die Vorabitur-Arbeiten sind als erster Akt in der neuen schicken Aula des Diesterweg-Gymnasiums geschrieben. Nun ist ein wenig Zeit, bis die Zehntklässler ihre Besondere Leistungsfeststellung zu absolvieren haben. Diese überbrückt die Heimatgeschichts-AG mit einer ersten Ausstellung im neuen Gebäude - einer Infoschau über das DDR-Untersuchungshaft-Gefängnis auf dem Chemnitzer Kaßberg

Von Ingo Eckardt

Plauen - Spricht man von berüchtigten Haftanstalten in der DDR, dann wird die Stasi-U-Haftanstalt Kaßberg in Karl-Marx-Stadt in einem Atemzug genannt mit dem "Gelben Elend" in Bautzen, der Stasi-Haftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen oder dem berüchtigten Frauenknast Hoheneck. Dem Thema, was an diesem heutigen Lern- und Gedenkort alles passierte, widmet sich die Ausstellung. Bis Freitag kommender Woche können Interessierte die Schau in der Aula des Diesterweg-Gymnasiums bestaunen. 
"Besucher von außerhalb unserer Schule mögen sich bitte vorab im Sekretariat unter 03741/3006 70 anmelden", sagt Hannelore Schreyer, die seit vielen Jahren mit ihrer Heimatgeschichte-AG für Aufsehen sorgt. Ihrer Initiative ist es auch zu verdanken, dass die Plauener Bildungsstätte als erst zweite Schule diese Ausstellung zeigen kann - sonst wird die Exposition in öffentlichen Einrichtungen sichtbar gemacht. Mit allen 10. Klassen reisen die Geschichtslehrer des Gymnasiums jedes Jahr einmal in die Bundesstelle für Stasiunterlagen nach Chemnitz. "Da entstand die Idee, diesen regelmäßigen Besuch mit einem Aufenthalt auf dem Kaßberg zu verknüpfen", erläuterte Hannelore Schreyer.
Zur Einführung erzählte Dr. Steffi Lehmann vom Lern- und Gedenkort Kaßberg-Verein über die wechselvolle Geschichte der seit rund 150 Jahren als Gefängnis genutzte Haftanstalt. Und sie zeigte einen kurzen Imagefilm, in dem verschiedene ehemalige Insassen zu Wort kamen - einer war als Zeitzeuge zur Eröffnung vor Ort: der erfolgreiche Radsportler Wolfgang Lötzsch. Der heute 66-Jährige ist noch immer auf dem Rad aktiv - dreimal die Woche ist er 110 Kilometer    unterwegs.
Zuvor erinnerte aber Dr. Steffi Lehmann daran, dass die Stasi auf dem Kaßberg die größte U-Haftanstalt der DDR betrieb. Gleichzeitig war der Knast ein riesiger Umschlagplatz für den Freikauf von Gefangenen aus der DDR. "Insgesamt kamen rund 33 000 von hier aus in den Westen", so die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Gedenkvereines in Chemnitz. Dann aber erzählte Lötzsch, der in Plauen nicht nur Radrennen fuhr, sondern hier auch seinen eigenen IM hatte, der sich um ihn kümmerte, wenn er in der Spitzenstadt zu Gast war - es war ein Radsportkollege, wie Lötzsch erklärte. 1952 in Chemnitz geboren, wollte er schon als kleines Kind Friedensfahrer werden. Und aufgrund seiner Klasse-Leistungen schaffte er es 1971 in den Olympiakader für München 1972 und wurde zum Friedensfahrt-Kandidaten. "Das hatte aber ein jähes Ende. Ich hatte ein Gespräch, bei dem man mich drängte, Kandidat der SED zu werden. Weil ich das ablehnte, wurde ich nochmal intensiv durchleuchtet. Und da mein Cousin einst in den Westen getürmt war, war ich plötzlich ein Sicherheitsrisiko und wurde in eine Betriebssportgemeinschaft ausgelagert - ich wurde kalt gestellt. So musste ich neben der Arbeit trainieren, war aber trotzdem weiter erfolgreich", so Lötzsch. Man versuchte, ihn nicht mehr gegen die restliche Club-Elite antreten zu lassen, denen er zu oft nur den Hinterreifen zeigte. "Nach einem feuchtfröhlichen Polterabend erwartete mich die Polizei quasi schon an der Bushaltestelle auf dem Heimweg. Ich habe mich dort wenig diplomatisch über die DDR geäußert und sofort wurde ich inhaftiert. Man hatte das Gefühl, alles war genau so geplant. Einen Beleg dafür habe ich aber leider nicht", bekennt Lötzsch, der aus seiner Haftzeit auf dem Kaßberg berichtete. Man sei isoliert von den Mithäftlingen gewesen, nur täglich 3000 bis 5000 Kniebeuge und 300 bis 500 Liegestütze hätten ihn damals gerettet. Nach seinem Prozess, der mit einer zehnmonatigen Haftstrafe endete, habe er im Gefängnis Schweine und Kaninchen hüten müssen. "Als ich 1977 entlassen wurde, schloss man mich sofort aus dem DTSB aus. Ich hatte somit Sportverbot. Später holten sie mich wegen eines Westkontaktes nochmals zum Verhör. Ab 1979 durfte ich endlich wieder Rennen fahren - natürlich nicht gegen die Elite. Man hatte immer noch Angst davor, dass ich zu gut sein könnte", lächelt Lötzsch mittlerweile mit einer gewissen Milde. Im hohen Radsportalter von 37 Jahren kam die Wende und die Chance, doch noch einmal in die große weite Welt zu schnuppern. "Rudi Altig holte mich nach Hannover, wo ich Bundesligarennen bestritt und einen Deutschen Meistertitel in der Mannschaftsverfolgung mit meinen Kameraden erringen konnte", hat Lötzsch trotz verpasster ganz großer Karriere seinen Frieden mit dem Radsport gefunden. Zumal er mittlerweile das Bundesverdienstkreuz erhielt und als einer von nur zwei Sachsen in die deutsche "Hall of Fame des Sports" neben Katharina Witt aufgenommen wurde. Bis heute führt er Besucher durch das Kaßberg-Gefängnis und da ist es dann vorbei mit der Milde. Was er hier mit seinen Mithäftlingen erlebte, wie er die DDR-Diktatur erlitt, ist auf fast 3000 Seiten Stasi-Akten verzeichnet. Fünfzig IM-Spitzel waren insgesamt auf ihn angesetzt. "Darunter war auch mein bester Kumpel."